Als die spanischen Eroberer im späten 15. Jahrhundert in Amerika ankamen, brachten sie Musketen, Rüstungen, Pferde — und eine unsichtbare, noch tödlichere Waffe mit: Pocken. Nun haben Wissenschaftler erstmals direkte molekulare Hinweise auf das Virus gewonnen, das die indigene Bevölkerung in Mesoamerika und Südamerika dezimierte.
Forscher des Trinity College Dublin und der Universität Chile extrahierten alte Variola-Virus-DNA aus zwei natürlich mumifizierten Personen, die an der Inka-Stätte Camarones 9 an der Pazifikküste im Norden Chiles gefunden wurden. Die eine war eine 30- bis 35-jährige Frau, die andere ein 18- bis 20-jähriger Mann. Beide wurden in Bündeln aus Kamelwolldecken mit Grabbeigaben beigesetzt.
Die in der Zeitschrift Science veröffentlichten Genome offenbaren eine ausgestorbene Linie des Pockenvirus, die evolutionär zwischen mittelalterlichen europäischen Stämmen und späteren Varianten einzuordnen ist. Dies ordnet das Virus eindeutig in die Zeit der frühen spanischen Kolonialisierung ein — als Pocken erstmals Amerika verwüsteten.
'Der früheste dokumentierte Pockenausbruch in Amerika ereignete sich 1518 auf der Insel Hispaniola', erklärte Erstautor Bruno Romero Gonzalez, Genetiker am Trinity College Dublin. Das Virus löste einen verheerenden Bevölkerungsrückgang aus: Schätzungen zufolge starben bis zu 90% der indigenen Bevölkerung Amerikas an Pocken und Begleiterkrankungen.
Pocken richteten nicht nur physische Verwüstung an, sondern auch einen psychologischen Schlag. Die schnelle, tödliche Ausbreitung — mit hohem Fieber, blutenden Pusteln und starker Entstellung — veranlasste viele Indigene zu glauben, ihre traditionellen Götter hätten sie dem spirituellen Machteinfluss der spanischen Eroberer gegenüber aufgegeben.
Die Analyse der beiden Genome zeigte, dass sie nahezu identisch waren, was darauf hindeutet, dass beide Opfer im selben Ausbruch oder durch denselben Umlaufstamm infiziert worden waren. Bemerkenswert ist, dass das Virus eine lange Phase genetischer Evolution bis zum 16. Jahrhundert durchlaufen hatte, die während der großen Epidemien der spanischen Kolonialisierung jedoch stark abflachte — und erst wieder nach der Einführung des ersten Impfstoffs im Jahr 1796 Fahrt aufnahm.
Dieses Muster legt nahe, dass das Virus einen evolutionären Optimalzustand erreicht hatte, der sich effizient durch Bevölkerungen ausbreitete, die keine früheren Exposition hatten und daher keinen Selektionsdruck zur weiteren Anpassung brauchten. In evolutionären Begriffen war es bereits perfekt auf seine katastrophale Aufgabe zugeschnitten.
Der letzte natürliche Pockenfall wurde 1977 in Somalia registriert, und die Weltgesundheitsorganisation erklärte die Pocken 1980 für ausgerottet — die erste und bislang einzige menschliche Infektionskrankheit, die weltweit eliminiert wurde. Diese alten Genome eröffnen nun einen Einblick in die Evolutionsgeschichte des Pathogens, der zuvor unzugänglich war, und zeigen, wie Epidemien der Kolonialzeit die Virusevolution in Echtzeit gestalteten.
Quellen
- reuters.comSmallpox DNA recovered from Spanish conquest-era Chilean mummies — Reuters
- nytimes.comAncient Smallpox May Have Been More Diverse Than Expected — NYT
- eurekalert.orgAncient smallpox genomes reveal how European colonization shaped the virus — EurekAlert
- newscientist.comSmallpox DNA in ancient Inca mummies shows virus came from Europe — New Scientist




