Eine Spinne, die von der Wand gestoßen wird, fällt nicht weit. Innerhalb von Millisekunden hat sie einen Faden ausgestoßen und zieht sich an einer Faser wieder hoch, die zäher als Kevlar und, auf das Gewicht bezogen, stärker als Stahl ist — gesponnen bei Raumtemperatur aus nichts als Protein, Wasser und Salz.

Genau dieser Kontrast ist das Problem. Kevlar, der synthetische Maßstab, entsteht bei hoher Temperatur unter sauren Bedingungen. Die Spinne erledigt dasselbe an offener Luft. Und jeder Versuch, den Trick im Labor nachzubauen, ergab messbar schwächere Seide als das Original, weil niemand den Schritt dazwischen sehen konnte: Wie wird aus einer ungeordneten Proteinbrühe ein geordneter Festkörper?

Ein Team um Gregory Holland, Chemiker und Spektroskopist an der San Diego State University, hat diesen Schritt nun atomar beschrieben. Die am 28. Oktober von Quanta Magazine vorgestellte Arbeit zeigt, dass der flüssige Dope ein Kondensat durchläuft — einen gelartigen Tropfen konzentrierten Proteins —, bevor daraus Faser wird. Zwei Aminosäuren leisten dabei die mechanische Arbeit, die den Übergang zusammenhält.

Sechs Spinnen, je eine Stunde, ein Isotopenlabel

Hollands Gruppe arbeitete mit dem Zugfaden von Schwarzen Witwen, deren Spidroin-Proteine zu den am besten charakterisierten aller Spinnen zählen. Alle paar Monate trafen 2023 und 2024 Lieferungen weiblicher Schwarzer Witwen in der Chemieabteilung ein. Hannah Johnson, damals Doktorandin, zog zwei Paar Handschuhe über, betäubte die Tiere mit Kohlendioxid und zupfte eine Stunde lang Seide aus ihren Spinnwarzen, die sie auf ein motorbetriebenes Gefäß wickelte. Die Spinnen erhielten einen Cocktail aus Aminosäuren, angereichert mit Isotopen, die das Labor später nachweisen konnte.

Johnson untersuchte dann den flüssigen Dope und Kondensate aus den Ampullen — dem Mittelteil der Spinndrüse — mit Kernspinresonanz. Kevin Chalek, damals Postdoc im selben Labor, kartierte die Struktur der fertigen Faser. „Wir wollten die Lücke zwischen dem schließen, was passiert, während das Protein in der Spinne ist, und dem, was passiert, wenn es draußen ist“, sagte Chalek.

Die Antwort war ein Handschlag zwischen zwei Seitenketten. Als dem Dope Phosphat zugesetzt wurde — ein Auslöser, den 2020 die Gruppe von Keiji Numata in Kyoto vorgeschlagen hatte —, begannen Arginin- und Tyrosin-Seitengruppen in den intrinsisch ungeordneten Regionen der Proteine schwach miteinander zu wechselwirken. Diese Wechselwirkung verdrängte Wasser und packte die schlabbrigen Proteine zu einem dichteren, gelartigen Kondensat. Entscheidend: Dieselben Kontakte bestanden in der festen Faser fort. Die beiden Aminosäuren wirken, so Hollands Bild, als molekulare Klebstoffe — sie halten die ungeordneten Regionen lange genug zusammen, um sie zu ordnen, und bleiben an Ort und Stelle, während sich die Beta-Faltblatt-Kristalle bilden, die der Seide ihre Festigkeit geben.

AlphaFold-Modelle und Molekulardynamik-Simulationen anderer Teammitglieder sagten dasselbe Bild voraus und ergänzten ein Detail, das das Nasslabor nicht sehen konnte: Die Klebstoffe reihen sich an den Knicken der Beta-Faltblätter auf — genau dort, wo sie die Proteine in ihre endgültige Geometrie lenken können.

Keine Gegen-Theorie, sondern eine zusätzliche Stufe

Für die Seidenbildung gab es mehrere konkurrierende Erklärungen. Eine nahm an, die Proteine richteten sich wie ein Flüssigkristall aus; eine andere, vom Seidenspinner entlehnte, postulierte Mizellen — kleine Kügelchen, die sich zur Faser verdichten. Holland selbst hatte zuvor Mizellen in nativer Seide nachgewiesen. Nun schlägt er vor, Mizellen, Kondensate und Flüssigkristalle könnten Stufen derselben Phasenumwandlung sein — nicht sauber nacheinander, sondern gleichzeitig und ungleichmäßig in der Drüse.

Externe Forscher, die Quanta zitierte, akzeptierten die Ergänzung weitgehend. Matthew Harrington, Materialwissenschaftler an der McGill University, nannte Kondensate eine Strategie, die „über eine Reihe verschiedener Organismen hinweg“ genutzt werde; Chris Holland aus Sheffield — nicht verwandt — hielt den Einsatz echter Spinnen statt synthetischer Seide für „brillant“. Yang Daiwen von der National University of Singapore sprach von einem „direkten Beleg“ dafür, dass Kondensate aus nativer Seide entstehen können.

Warum das über Spinnen hinausgeht

Der praktische Gewinn liegt im Fertigungsproblem. Spinnen lassen sich nicht züchten: Sie fressen einander, brauchen jeweils eigene Behälter, und man bräuchte rund eine Million Tiere für die Menge, die ein Textilprozess verlangt. Rekombinante Seide aus der korrekten Aminosäuresequenz ist der naheliegende Weg — und blieb bisher stets hinter der natürlichen Faser zurück. Chalek vermutet den Unterschied in strukturellen Merkmalen, die synthetische Varianten weglassen: die ungeordneten Regionen und ihre Wechselwirkungen, also genau den Teil, den diese Studie kartiert.

Dazu kommt eine größere biologische Geschichte. 2009 erstmals in befruchteten Wurmeiern bemerkt, erwiesen sich Kondensate als allgemeines Werkzeug, mit dem Zellen DNA organisieren, Gene regulieren und Materialien bauen: Tintenfischschnäbel, Muschelkleber, der Zement, mit dem Sandburgwürmer ihre Röhren errichten. Spinnenseide ist nun einer der klarsten Fälle, in denen sich die atomaren Regeln dieses Werkzeugs direkt ablesen lassen.

Offen bleibt, wie viel des Prozesses damit erklärt ist. Andere Aminosäure-Wechselwirkungen spielen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rolle, und Phosphat dürfte nicht der einzige Auslöser sein. „Wir kennen noch nicht alle Schalter“, sagte Chris Holland. Die Chemieindustrie versucht seit Jahrzehnten, mit der Fabrik einer Spinne bei Raumtemperatur Schritt zu halten; nun hat sie den Bauplan für einen der Schritte — und eine klarere Vorstellung davon, wie viele noch fehlen.