Aus mumifizierten Überresten in Chile gewonnene Virus-DNA liefert den ersten direkten molekularen Beleg dafür, dass die Pocken mit den europäischen Kolonisatoren nach Amerika kamen, berichtet ein internationales Team in Science. Die Ergebnisse entscheiden eine lange geführte historische Debatte mit Genetik statt nur mit Schiffsregistern.
Die Forscher sequenzierten alte Genome des Variola-Virus — des Erregers der Pocken — aus chilenischen Mumien und identifizierten eine Linie namens CAM9. Es handle sich um das älteste bekannte Pockengenom aus Amerika, so das Team, und seine nächsten Verwandten deuten auf einen europäischen Ursprung hin.
Die Pocken dezimierten nach dem ersten Kontakt die indigene Bevölkerung Amerikas, und Historiker stritten lange darüber, wann und wie die Krankheit genau den Atlantik überquerte. Kolonialregister und Schiffsdokumente aus Europa legten eine Einführung in der frühen Kolonialzeit nahe, doch direkte genetische Beweise aus dieser Epoche fehlten bisher.
„Diese Entdeckung liefert die erste molekulare Bestätigung dafür, dass die Pocken während der Kolonialzeit nach Amerika gebracht wurden", erklärten die Forscher laut einer Stellungnahme des Teams. Die Genome liefern auch Hinweise darauf, wie sich das Virus nach seiner Ankunft auf dem Kontinent entwickelte und ausbreitete.
Die Arbeit wurde zusammen mit verwandten Erkenntnissen bekannt gegeben, wonach in Amerika geborgene alte Pockengenome helfen könnten, die Übertragungswege der Krankheit in der Kolonialzeit nachzuzeichnen. Nature News hob die Studie als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Entwicklungen der Woche hervor.
Über die historische Bedeutung hinaus zeigt die Studie, wie alte DNA-Techniken die Bewegungen von Krankheitserregern über Jahrhunderte rekonstruieren können — ein Werkzeug, das Forscher zunehmend nutzen, um sowohl vergangene Epidemien als auch moderne neu auftretende Krankheiten zu verstehen.

