Hinter einem Drahtzaun bei der nordfinnischen Stadt Muhos sind 330 Hektar Wald zu Schlamm, Maschinenspuren und Wurzelhaufen geworden. Vor wenigen Monaten standen dort rund eine Viertelmillion Bäume. Auch der Oberboden ist weg.
Finnlands Aufsichtsbehörde LVV ordnete den Stopp der Arbeiten in Muhos und an einem zweiten Standort bei Otanmäki, rund 100 Kilometer südöstlich, an. Die nötigen Umweltverträglichkeitsprüfungen waren nicht abgeschlossen, bevor das Land kahlgeschlagen wurde. Die Schreiben datieren vom 6. Oktober. Google erklärt, die vorbereitenden Arbeiten an beiden Standorten eingestellt und förmlich geantwortet zu haben.
Der Finnland-Chef des Konzerns, Antti Järvinen, entschuldigte sich und sagte, Google habe „nach dem besten Verständnis gehandelt, das wir damals von der Rechtslage hatten“. Ein Sprecher betonte, das Unternehmen sei seit 15 Jahren in Finnland tätig und habe „stets versucht, Vorgaben zu Bauleitplanung, Umwelt, Gesundheit und Sicherheit zu erfüllen oder zu übertreffen“; man werde die Auflagen der LVV vollständig befolgen.
Die beiden Standorte gehören zu einem 13 Milliarden Euro schweren KI-Infrastrukturprogramm – dem größten seiner Art in Nordeuropa, das die finnische Regierung hofiert hat. Ministerpräsident Petteri Orpo nannte Investitionen bei der Vorstellung im September „oberste Priorität“; nach Bekanntwerden der Rodung sprach er von einer „kalten Dusche“.
Der Schaden vor Ort ist konkret. Die Fläche in Muhos ist drei Kilometer lang und zwei Kilometer breit und liegt 400 Meter vom Fluss Oulujoki entfernt; Anwohner berichten, braunes Wasser laufe in einen Zufluss. Die Ökologin Mari Annala vom finnischen Naturschutzverband SLL schätzt, dass in Otanmäki weitere 150.000 Bäume gefallen sind. Dort brütende Weißrückenspechte wurden vertrieben, und in Otanmäki folgten die Wölfe der Beute aus dem Wald ins Dorf. „Wir hatten Wölfe im Dorf, weil alle Wildtiere aus dem Wald verschwunden sind“, sagte Anni Ranta, deren Familie seit Generationen dort lebt.
Google will in Muhos auf 130 Hektar Bäume pflanzen. Naturschützer halten das gegenüber 330 kahlgeschlagenen Hektar für zu wenig.
Mehr als 93.000 Menschen haben eine Petition unterzeichnet, die strengere Regeln für Rechenzentren und einen Ausgleichsfonds für betroffene Gemeinden verlangt. In Finnland sind 145 weitere Rechenzentren in verschiedenen Planungsphasen – angezogen von kühlem Klima, stabilem Netz und viel Land. Jussi Kangasharju, Informatikprofessor an der Universität Helsinki, ist in der nationalen Bilanz deutlich: „Für Finnland gibt es wirklich keine Vorteile. Das sind internationale Unternehmen, die internationale Kunden bedienen. Sehr wenig Körperschaftsteuer geht an Finnland.“
Bei den Wahlen im April dürften Rechenzentren zum Thema werden. Juristisch ist der Fall ein Test für ein Planungssystem, das auf Vertrauen setzte: Ein Konzern kaufte Land, begann zu roden, die Genehmigungen kamen danach. „Es ist reine Arroganz“, sagte Hanna Halmeenpää, Vorsitzende des SLL-Vorstands.
Quellen
- theguardian.com'Pure arrogance': anger in Finland as Google illegally fells 250,000 trees for datacentre — The Guardian
- tomshardware.comWolves roam into Finnish villages after Google destroys 1,300 acres of forest for AI data centers — Tom's Hardware
- motherjones.comFinns are seething after Google illegally toppled 250,000 trees for a data center — Mother Jones

