Am Freitag, dem 6. November, sind nach Angaben eines Reuters-Reporters vor Ort rund 100 Demonstranten auf das Baustellengelände eines Microsoft-Rechenzentrums im Amsterdamer Stadtteil Sloterdijk gelangt. Die Aktionsgruppe Geef Tegengas erklärte gegenüber dem Lokalsender AT5, rund 500 Menschen hätten das Gelände betreten, Hunderte weitere stünden draußen. Einige durchtrennten den Zaun, andere kletterten auf einen Baukran und zündeten Pyrotechnik. Die Bereitschaftspolizei rückte an und nahm mehrere Personen fest.

Der Ablauf selbst ist bemerkenswert. Die Polizei hatte den Marsch zunächst gestoppt, als er sich dem Gelände näherte; anschließend untersagte die Bürgermeisterin die Demonstration, worauf Demonstranten gegen die Absperrungen drängten, wie die niederländische Nachrichtenagentur ANP berichtete. Die Veranstalter werfen der Polizei vor, das Versammlungsrecht missachtet zu haben. Zwei Darstellungen desselben Nachmittags, und beide werden Teil der politischen Auseinandersetzung.

Der Protest war Teil einer koordinierten Aktion: Die Kampagne „Stop Dirty Data Centres“ hatte für den 6. und 7. November Veranstaltungen in 16 Ländern angekündigt, getragen von mehr als 100 Gruppen. Die zentrale Forderung ist ein sofortiges Moratorium für neue große Rechenzentren in Europa – nicht mehr Transparenz, nicht bessere Ausgleichszahlungen, sondern ein Baustopp.

Am konkreten Standort lässt sich ablesen, warum. Das Projekt besteht aus drei Gebäuden mit jeweils 85 Metern Höhe; Microsoft will die gesamte Anlage mieten. Die Pläne wurden erstmals 2016 eingereicht – bevor Amsterdam ein Verbot neuer Rechenzentren innerhalb der Stadtgrenzen erließ. Die Provinz genehmigte das Vorhaben im Januar. Kritiker sehen darin eine Umgehung der niederländischen Regeln für besonders große Rechenzentren. Geef Tegengas argumentiert, die Anlage werde so viel Strom verbrauchen wie alle Amsterdamer Haushalte zusammen und könnte den Bau von 30.000 Wohnungen verzögern. Stadtvertreter warnen seit Längerem, Engpässe im Stromnetz gefährdeten Wohnungs- und Schulbauprojekte.

Das ist der eigentliche Streitpunkt, und er ist kein ästhetischer. In einem Netz mit knapper Kapazität ist ein langfristiger Abnahmevertrag eines Hyperscalers kein zusätzlicher Kunde, sondern ein Vorgriff: Er belegt Anschlusskapazität, die sonst Wohnungen, Schulen oder Gewerbegebieten zur Verfügung stünde. Wer zuerst unterschreibt, bekommt den Strom. Genau diese Reihenfolge ist es, die in den Niederlanden gerade politisch verhandelt wird – und nicht die Frage, ob jemand Rechenzentren mag.

Vorgeschichte gibt es reichlich. Im Juli warfen Aktivistinnen und Aktivisten von Extinction Rebellion mit Farbe und Säure gefüllte Ballons über den Bauzaun. Der Widerstand ist also nicht neu; neu ist die Breite. Eine Kampagne, die von Irland über Polen und Dänemark bis Finnland reicht, verschiebt das Thema von der lokalen Bauaufsicht auf die europäische Ebene – zu einem Zeitpunkt, an dem die EU-Kommission Rechenzentren als Infrastruktur für KI ausdrücklich ausbauen will.

Für Microsoft ist die Lage unangenehm, aber nicht neu: Das Unternehmen vermarktet sich mit Klima- und Wasserversprechen, während seine Immobilientochter Flächen in einem Netz anmietet, dessen Kapazität bereits verplant ist. Ob der Konzern den Strom selbst liefert, ist öffentlich nicht geklärt.

Was als Nächstes zählt: Am Samstag folgt der zweite Aktionstag, und die entscheidende Frage ist, ob die Provinz das Genehmigungsverfahren wieder öffnet oder ob der Bau weiterläuft und die Auseinandersetzung vor Gericht wandert. Die niederländische Politik hat dabei ein Tempo-Problem: Jede Verzögerung bei Rechenzentren wird von der Industrie als Standortnachteil gelesen, jede Beschleunigung von Anwohnern als Verrat an der Wohnungskrise.

Eine Einordnung ist wichtig: Die Zahlen zum Zulauf stammen von den Veranstaltern und wurden nicht unabhängig geprüft; die Zahl der Festnahmen wurde nicht einheitlich berichtet. Und ob ein Moratorium rechtlich überhaupt durchsetzbar wäre, ist offen – die Genehmigung liegt bei Provinz und Staat, nicht bei der Stadt, die ihr eigenes Verbot bereits erlassen hat.