SUSE baut weltweit rund jede zehnte Stelle ab – und der CEO nennt den Grund in der internen Mail selbst. „Offensichtlich verändern Automatisierung und KI die Arbeitsweise von Softwareunternehmen grundlegend", schrieb Dirk-Peter van Leeuwen an die rund 1.900 Beschäftigten des Open-Source-Unternehmens. „Das bedeutet, dass die organisatorische Aufstellung und die Kostenstruktur, auf denen SUSE heute basiert, uns nicht erfolgreich in die Zukunft führen werden."

Zuerst berichtete das britische Portal The Register über die Mail. Der Bedarf an einigen bestehenden Rollen sei „stark zurückgegangen", so van Leeuwen weiter; man beschleunige Investitionen in priorisierte Bereiche, während andere weniger Gewicht bekämen. Welche Stellen konkret wegfallen, sagte er nicht. Betroffene sollen bis Mittwoch informiert werden, am Donnerstag werden Arbeitnehmervertreter benannt, Anfang der kommenden Woche beginnen persönliche Gespräche. Am 16. November soll die verbleibende Belegschaft die Strategie für das Geschäftsjahr 2027 sehen.

Erst Freiwillige, dann nicht mehr

Der Abbau kommt nicht aus dem Nichts. Bereits im September hatte SUSE laut The Register langjährige Mitarbeitende gefragt, ob sie eine „freiwillige Beendigung des Arbeitsverhältnisses" in Anspruch nehmen wollen. Offenbar fanden sich nicht genug Freiwillige – nun folgt der unfreiwillige Teil. Van Leeuwen nannte die Entscheidungen „schmerzhaft für unsere Mitarbeiter, unsere Unternehmenskultur und unsere Open-Source-Community".

Bemerkenswert ist, wer hier streicht. SUSE steht seit 1992 für enterprise-taugliches Linux – gegründet von drei Studenten in Fürth, heute mit Sitz in Luxemburg, im Besitz der schwedischen Beteiligungsgesellschaft EQT. 2023 stockte EQT die Mehrheit deutlich auf und nahm das Unternehmen bei einer Bewertung von knapp drei Milliarden Dollar von der Börse. Im März dieses Jahres gab es Berichte, EQT prüfe einen Verkauf von SUSE Linux zu einem Preis von bis zu sechs Milliarden Dollar. Fachleute sahen SUSE eher als Profiteur des KI-Booms: Je mehr KI-Anwendungen Unternehmen betreiben, desto größer die Nachfrage nach verlässlicher Basissoftware.

Die unbequeme Pointe

Genau diese Geschichte erzählt das Unternehmen jetzt gegen sich selbst. Wer jahrelang als Infrastruktur-Gewinner des KI-Zeitalters gehandelt wird und dann Stellen mit KI begründet streicht, liefert die klarste Formulierung dessen, was in der Branche seit zwei Jahren als Verdacht im Raum steht: Der Nutznießer der Erzählung ist nicht zwingend der Nutznießer der Bilanz – und die Belegschaft zahlt die Differenz.

Für eine Firma, deren Geschäftsmodell auf langfristiger Pflege von Code und Support-Verträgen beruht, ist das ein doppelt heikler Satz. Open-Source-Community war in der Mail ein eigenes Sorgenkind, nicht nur eine Floskel. Wenn Automatisierung und KI tatsächlich jene Rollen ersetzbar machen, deren Bedarf „stark zurückgegangen" ist, dann betrifft das nicht nur SUSE: Es ist die Frage, ob der Support- und Wartungsmarkt, von dem Enterprise-Linux lebt, gerade unter den Füßen der Anbieter wegschrumpft.

SUSE ist kein Sonderfall, sondern ein Datenpunkt in einer Serie. Der Unterschied liegt in der Offenheit der Begründung: Während viele Unternehmen Umstrukturierung, Effizienzprogramme oder „nächste Wachstumsphase" als Grund nennen – Squarespace tat das am selben Tag mit 19 Prozent –, schreibt SUSE die technologische Ursache explizit in die Mail an alle Mitarbeitenden.