Millionen Menschen nehmen Statine, um ihren Cholesterinspiegel zu senken und das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen zu reduzieren. Bei manchen verursachen die Medikamente jedoch Muskelschmerzen, Schwäche und Belastungsintoleranz – Nebenwirkungen, die viele Patienten dazu bringen, die Behandlung abzubrechen. Nun sagen Forscher der McMaster University, sie hätten einen biologischen Weg gefunden, der erklären könnte, warum diese Symptome entstehen – und möglicherweise einen Weg, sie zu verhindern.
Die in Science Advances veröffentlichte Studie verweist auf eine bislang unbekannte Wechselwirkung zwischen dem Immunsystem und dem Stoffwechsel der Muskelzellen. Statine können die Energieerzeugung der Muskelzellen stören, so das Team, und diese Störung aktiviert eine Immunreaktion in den Zellen, die zu Gewebeschäden führt. In Experimenten mit Muskelzellen und Mausmodellen verhinderte die Blockade dieser Immunreaktion einen Großteil des Schadens.
Schätzungsweise 7 bis 29 Prozent der Statin-Anwender leiden unter muskelbezogenen Symptomen. "Statine gehören zu den wirksamsten Medikamenten, die wir zur Senkung des Herz-Kreislauf-Risikos und zur Vermeidung vorzeitiger Todesfälle haben", sagte Jonathan Schertzer, Professor an der McMaster University und leitender Autor der Studie. "Leider führen Muskelnebenwirkungen dazu, dass manche Menschen ihre Dosis reduzieren oder das Medikament ganz absetzen."
Eines der vielversprechendsten Ergebnisse: Der Mechanismus der Nebenwirkungen scheint getrennt vom cholesterinsenkenden Mechanismus zu sein. "Das deutet darauf hin, dass es eines Tages möglich sein könnte, die Nebenwirkungen zu bekämpfen, ohne die kardiovaskulären Vorteile zu beeinträchtigen, die Statine so wertvoll machen", so Schertzer.
Die Forschung offenbarte zudem einen überraschenden Zusammenhang zwischen Stoffwechsel und Immunität: Veränderungen in der Energieverarbeitung der Muskelzellen führten dazu, dass die Zellen eine eigene Immunreaktion aktivierten – eine neue Erkenntnis darüber, wie Entzündungen zu Medikamentennebenwirkungen beitragen können. Beteiligt waren Forscher aus Frankreich, Australien, Kanada und dem Vereinigten Königreich; gefördert wurde die Arbeit vom kanadischen Natural Sciences and Engineering Research Council. Bis die Erkenntnisse zu Therapien werden, ist mehr Forschung nötig, doch der neu identifizierte Signalweg bietet mehrere mögliche Angriffspunkte für Medikamente, die Statine verträglicher machen sollen.




