Quantum Systems hat seiner Abfangdrohne eine Schlagzeile verpasst: 777 km/h. Das ist rund das 0,63-Fache der Schallgeschwindigkeit und eine Größenordnung mehr als bei den propellergetriebenen Quadrocoptern, die den Markt für Kleindrohnen dominieren. Der Hersteller aus dem Münchner Umland baut seit einem Jahrzehnt die Vector-Familie unbemannter Starrflügler für Aufklärung; die Abfangdrohne ist der Versuch, die andere Hälfte des Luftverteidigungsproblems zu verkaufen.

Die Geschwindigkeit ist das ganze Argument. Abfangen ist ein Geometrieproblem: Der Abfänger muss am künftigen Ort des Ziels eintreffen und dabei genug Energie für ein Manöver übrig haben. Gegen eine Einweg-Angriffsdrohne, die mit 150 bis 180 km/h fliegt, kann ein 777 km/h schneller Flugkörper später, aus größerer Entfernung und trotzdem von hinten oder oben heranlaufen – aus Richtungen, die ein Bodengeschütz nicht erreicht. Am wichtigsten ist das gegen jetgetriebene Loitering Munitions und die Shahed-Derivate, die in Russland und im Iran in Serie entstehen und deren Reisegeschwindigkeit und Flughöhe unbequem zwischen „zu schnell für den Quadrocopter" und „zu billig für eine Rakete" liegen.

Die Ökonomie ist die zweite und schwierigere Hälfte. Ein Patriot PAC-3 kostet mehrere Millionen Dollar je Schuss, eine IRIS-T rund 400.000 Euro. Selbst ein billiger Zweckabfänger im unteren fünfstelligen Bereich unterbietet sein Ziel nur, wenn das Ziel teurer ist. Shahed-136-Klone werden auf 20.000 bis 50.000 Dollar geschätzt. Es bleibt ein schmales Band, in dem Abfangen überhaupt bezahlbar ist – deshalb der Branchenkonsens auf geschütz- und raketengestartete Billigabfänger, und deshalb fragen Beschaffungsstellen heute nach „Kosten pro Abschuss" statt nach Trefferwahrscheinlichkeit.

Was die 777 km/h nicht klären, ist alles, was darüber entscheidet, ob das System funktioniert: ob es eine Spitzengeschwindigkeit oder eine dauerhafte Reisegeschwindigkeit ist; wie lange der Flugkörper sie halten kann; welcher Sucher ein motorradgroßes Ziel bei dieser Annäherungsgeschwindigkeit findet; und ob die Lenkschleife von einem Operator am Bildschirm geflogen werden kann oder autonom sein muss. Bei 777 km/h ist ein Ziel in zwei Kilometern elf Sekunden entfernt. Human-in-the-loop ist in diesem Fenster eine Konstruktionsvorgabe, keine Vorliebe.

Das Nachfragesignal in Europa ist unstrittig. Die European Sky Shield Initiative, die Drohnenwall-Vorschläge der EU und nationale Counter-UAS-Programme haben einen Markt geschaffen, den es 2021 nicht gab, und Quantum Systems ist eines von wenigen europäischen Unternehmen mit flugerprobten Starrflüglern und eigener Fertigung. Die offene Frage ist industriell, nicht aerodynamisch: ob Europa Abfänger in Zehntausenden bauen kann, zu einem Stückpreis, bei dem das Abschießen einer 30.000-Dollar-Drohne keine Entscheidung ist, über die jemand lange nachdenken muss.

Was dieser Text noch nicht beantwortet und was als Nächstes zu beobachten ist: ob 777 km/h Spitzen- oder Reisegeschwindigkeit sind, was die Einheit in Serienfertigung kostet und ob die ersten Kunden nationale Streitkräfte sind oder die mehrschichtigen Luftverteidigungsprogramme, die in Stückzahlen einkaufen. Diese drei Zahlen entscheiden, ob hier ein Produkt steht oder eine Pressemitteilung.