Jahrelang sahen die CO2-Grenzwerte der Europäischen Union für Neuwagen wie ein Ziel aus, das die Hersteller verfehlen würden. Laut Golem verändert der Boom bei Elektroautos diese Rechnung und macht die Grenzwerte erreichbar.

Der Mechanismus ist der Flottenmittelwert. Die EU reguliert nicht die Emissionen einzelner Modelle, sondern den nach Absatz gewichteten Durchschnitt der Neuwagen, die ein Hersteller in einem Jahr verkauft. Jedes batterieelektrische Auto senkt diesen Durchschnitt, jeder große Verbrenner hebt ihn. Ein steigender E-Anteil erledigt damit den Großteil der Compliance – deshalb schließt sich die Lücke zwischen Ziel und Lieferung rasch, wenn die E-Verkäufe anziehen.

Diese Konstruktion hat einen zweiten Effekt: Sie macht das Ziel zu einem Anreiz, mehr Elektroautos zu verkaufen, nicht nur sie zu bauen. Ein Hersteller kann eine langsame Elektrifizierung seiner Flaggschiffreihe mit einem schnellen Vorstoß bei Volumenmodellen ausgleichen, weil die Regel zählt, was den Showroom verlässt.

Zum Einordnen der Aussage gehört der Kontext. Die EU hat den Flottengrenzwert für 2025–2029 verschärft und für 2035 eine Reduktion um 100 Prozent bei neuen Pkw und leichten Nutzfahrzeugen festgelegt – faktisch das Ende neuer Verbrennerverkäufe – mit einer eingebauten Überprüfung von Zeitplan und Bedingungen.

Das Flottenmittelwert-System reagiert zudem empfindlich auf den Mix. Eine Rückkehr zu großen Verbrennern, ein Stocken der E-Akzeptanz beim Auslaufen von Förderungen oder ein langsamerer Ausbau der Ladeinfrastruktur können die Gewinne eines Jahres schnell umkehren; die Bilanz ist jährlich, nicht kumulativ. Diese Variabilität ist der Grund, warum ein gutes Jahr als Beleg für Machbarkeit gilt und nicht als Beweis.

Was der Trend nicht klärt, ist die Politik. Mehrere Mitgliedstaaten und weite Teile der Industrie drängen im Rahmen der Überprüfung auf Flexibilität und argumentieren, Nachfrage, Ladeausbau und Lieferketten seien noch nicht dort, wo die Regeln sie annehmen. Die Nachricht, dass E-Autos die Ziele erreichbar machen, schwächt diese Argumentation, weil sie die Behauptung untergräbt, die Grenzwerte seien schlicht unerreichbar – genau deshalb ist sie Politiknachricht und nicht bloß Branchenstatistik.