Die Erde rotiert um eine Achse, und ihre Kruste samt Mantel – nicht perfekt ausbalanciert – kann sich relativ zu dieser Achse verschieben. Geologen nennen das „True Polar Wander" (TPW). Offen war stets, wie schnell und wie häufig das geschieht.

Paläomagnetische Befunde deuteten auf schnelle Episoden hin, doch der Datensatz ist so verrauscht, dass gewöhnliche Plattentektonik wie TPW wirken kann – die Ergebnisse blieben umstritten. Manche Forschende hielten den True Polar Wander für vernachlässigbar oder dauerhaft langsam.

Ein Team des Centre for Planetary Habitability der Universität Oslo wählte einen anderen Test. Schneller TPW müsste Masse umverteilen und das Zentrifugalpotenzial verändern – mit einer Signatur in alten Meeresspiegeln: vorhersagbare, globale Muster von Überflutung und Trockenfallen der Kontinente. Die Forschenden analysierten Kontinentüberflutungs-Rekonstruktionen in 10-Millionen-Jahre-Schritten und kombinierten sie mit statistischer Modellierung.

Sie fanden mehrere robuste quadrupolare Muster der vergangenen 320 Millionen Jahre, vereinbar mit Episoden schnellen True Polar Wander – darunter eigenständige Ereignisse in der mittleren Kreide (etwa 100–90 Millionen Jahre) und im späten Jura bis zur frühen Kreide (etwa 150–140 Millionen Jahre).

Die in Science veröffentlichten Ergebnisse widerlegen die Annahme, TPW sei vernachlässigbar oder dauerhaft langsam, und fordern, ihn als „episodische Steuerungsgröße des Meeresspiegels und wahrscheinlich weiterer globaler Umwelt- und Biodynamiken" zu behandeln. Für den Großteil des Känozoikums fanden die Forschenden kaum Hinweise auf schnellen TPW – und keine starke Stütze für die These, die Nordwärtsdrift des Superkontinents Pangaea sei im späten Karbon und Perm primär durch TPW angetrieben worden.

True Polar Wander ist kein Phänomen der fernen Vergangenheit: Den Autoren zufolge läuft er derzeit mit rund zehn Zentimetern pro Jahr ab – schneller als die mittlere differentielle Plattengeschwindigkeit. Wiederholen sich schnelle Episoden, würden sie Klimagürtel verschieben, die Biosphäre belasten und das Magnetfeld beeinflussen, da Kern und Klimasystem an die Rotationsachse gebunden bleiben, während die Kruste über sie hinwegwandert.