Oracle nutzte seine Konferenz AI World in Las Vegas für eine konkrete Wette auf Unternehmenssoftware: Beschäftigte sollen nicht mehr lernen müssen, welches Modul oder welcher Agent eine Aufgabe erledigt, sondern einfach das Geschäftsziel formulieren. Die Software soll dann Transaktionen, Abläufe, Freigaben und Agenten auswählen und koordinieren.

Hinter diesem Versprechen stehen Fusion Companion und Fusion Agentic Home. Companion ist über unterstützte KI-Anwendungen wie ChatGPT erreichbar sowie über Agentic Home, wo Oracles eigene Oberfläche zum Delegieren von Aufgaben und zum Verfolgen ihres Fortschritts liegt. Companion soll bestehende Identitäts-, Berechtigungs- und Freigaberegeln respektieren und, wo autorisiert, Informationen aus anderen Unternehmenssystemen einbeziehen.

Interessanter ist die Technik darunter. Lang laufende oder rechenintensive Arbeit geht an Fusion Claw, eine am 29. September angekündigte Ausführungsumgebung, die die Aufgabe teilt: Sprachmodelle planen und bewerten Alternativen, deterministische Verfahren übernehmen die schwere Rechenarbeit und die Ausführung definierter Schritte. Modelle von OpenAI und Gemini kommen beide zum Einsatz. Laut Oracle sind 25 Claw-basierte Anwendungen aus einem im September angekündigten Portfolio von 75 Agentenanwendungen verfügbar.

Der Governance-Anspruch hängt an einem einzigen Artefakt. Eine „Outcome Receipt" soll festhalten, welche Befugnisse galten, welche Informationen genutzt, welche Entscheidungen getroffen und welche Transaktionen ausgeführt wurden – und bei Freigaben oder Ausnahmen die zuständigen Menschen einbeziehen. Unternehmen setzen die Grenzen selbst, von Schritten, die immer Bestätigung brauchen, bis zur autonomen Ausführung innerhalb ausdrücklich übertragener Befugnisse.

Das ist ein vernünftiges Design: Prüfbar ist für einen IT-Auditor nicht die Demo, sondern der Audit-Trail. Vorerst ist das aber eine Beschreibung. Oracle hat weder das Schema der Quittung noch Aufbewahrungsregeln veröffentlicht, noch wie ein externer Prüfer sie abfragen würde.

Zwei weitere Bausteine kommen hinzu. Eine öffentliche Fusion Setup and Configuration Registry sammelt Skills, Skripte und Referenzabläufe, die Konfigurationen, Abhängigkeiten und Prüfungen beschreiben, damit KI-Werkzeuge Einrichtungsarbeit direkt in Fusion erledigen und das Ergebnis testen und validieren können. Sie steht unter der Universal Permissive License 1.0, und Oracles eigenes GitHub-Repository bezeichnet sie als separat veröffentlichtes Beispiel- und Referenzmaterial, das der reguläre Fusion-Produktsupport nicht abdeckt. Voraussetzung ist Fusion Applications Release 26D mit dem Wartungspaket vom 16. Oktober 2026 oder neuer. Ein Angebot namens AI Success Navigator ergänzt Agenten für Analyse, Entwurf, Konfiguration und Tests.

Der Kundennachweis ist dünn, und Oracle benennt die Grenzen ungewöhnlich offen. Lexington Health gilt als früher Anwender, mit 80 Prozent weniger Aufwand für bestimmte Entwurfs- und Konfigurationsaufgaben während der Einführung. Die Zahl gilt nur für diese Teilarbeiten; Tests und Produktivstart standen laut dem zitierten Kundenbericht noch aus, und eine Messmethodik wird nicht genannt.

Die Abrechnung ist verbrauchsbasiert. Fusion AI nutzt „AI Units" zu einem Listenpreis von einem US-Cent pro Einheit. SaaS-Kunden erhalten ein monatliches Kontingent und können zusätzliche Einheiten kaufen; der Verbrauch hängt teils vom eingesetzten Modell ab – dasselbe Geschäftsziel kann also unterschiedlich viel kosten, je nachdem, wie Oracle es routet.

Die Lücke ist die Verfügbarkeit. Oracle bezeichnet die 25 Claw-basierten Anwendungen als verfügbar, sagt aber, Teile von Companion und Agentic Home würden erst später nutzbar. Einen Einführungsplan und eine Übersicht der heute freischaltbaren Funktionen gibt es nicht. Companion überschneidet sich zudem mit einem separat angekündigten Oracle AI Workspace, der Fusion, NetSuite, Datenbanken und Cloud-Dienste über ChatGPT erschließen soll; wie beide zusammenwirken, erklärt die Ankündigung nicht.

Für alle, die Fusion betreiben, lautet die praktische Frage nicht, ob ein Agent eine Bestellanforderung starten kann. Sie lautet, ob Quittung, Berechtigungsmodell und Freigabegrenze einen echten Monatsabschluss überstehen – und das ist öffentlich noch nicht gezeigt worden.