Zuerst kam die Meldung in der Zeitung selbst: The New York Times Company befinde sich in exklusiven Verhandlungen, um Letterboxd zu kaufen – das Filmtagebuch und soziale Netzwerk für Cinephile –, für rund 330 Millionen Dollar.

Die Zahl ist bemerkenswert, weil sie so gar nicht zu einem Medienkauf passt. Letterboxd rechnet in diesem Jahr mit einem Ergebnis von etwa 15 Millionen Dollar. Der Preis entspricht damit dem 22-Fachen des Gewinns – für ein Unternehmen, dessen Nutzerbasis kostenlos ist und das sein Geld mit einem Abonnement für Zusatzfunktionen verdient.

Was die Times kauft, ist also nicht Inhalt, sondern eine Zielgruppe und ein Graph. Letterboxd hatte im Januar 2021 drei Millionen Nutzer; im April dieses Jahres waren es 28 Millionen. Mehr als die Hälfte ist jünger als 35. Das ist genau die Demografie, die eine 174 Jahre alte Zeitung am dringendsten braucht, und sie ist in einem Produkt gebündelt, das Menschen aus freien Stücken täglich öffnen.

Laut dem Bericht haben die Gespräche auch die Frage behandelt, ob die Mitgründer die Leitung behalten dürfen – dann aber an eine Führungskraft der Times berichten würden. Letterboxd bliebe demnach „auf absehbare Zeit“ eigenständig, und die Werbetechnologie der Times würde integriert. Ein Sprecher der Times lehnte gegenüber der eigenen Zeitung eine Stellungnahme ab; Letterboxd und die derzeitige Muttergesellschaft Tiny Ltd. reagierten zunächst nicht auf Anfragen.

Das Rennen war offenbar ernst. Nach Angaben der Times interessierten sich auch die Filmstudios A24 und Sony Pictures Entertainment; A24 sei der Preis zu hoch gewesen. Der Kaufpreis liegt in derselben Größenordnung wie frühere Zukäufe des Hauses: Wordle kam für einen niedrigen siebenstelligen Betrag, Wirecutter für etwas mehr als 30 Millionen Dollar, The Athletic für 550 Millionen Dollar.

Die strategische Logik ist nicht schwer zu erkennen. Die Times verkauft längst kein Abonnement für Nachrichten mehr, sondern ein Bündel: News, Spiele, Kochen, Sport, Produktempfehlungen. Jede dieser Sparten ist eine Leidenschaft, die Menschen aus eigenem Antrieb wiederholt aufsuchen. Film war die auffälligste Lücke. Letterboxd liefert nicht nur die Zuschauer, sondern ein Archiv dessen, was sie gesehen, bewertet und auf Listen gesetzt haben – ein Signal über Geschmack, das kein Algorithmus einer Plattform nachbauen kann und das sich hervorragend an Werbekunden verkaufen lässt.

Das Risiko liegt in der Kultur. Letterboxd-Nutzer behandeln die App wie ein Tagebuch, nicht wie einen Feed. Sie ist der Ort, an dem man eine peinliche Bewertung aus dem Jahr 2016 nicht löscht, sondern verteidigt. Der Verkauf an Tiny im Jahr 2023 hat diese Loyalität bereits auf die Probe gestellt. Ein Preis von 330 Millionen Dollar erzeugt jedoch Erwartungen an Monetarisierung, die sich nicht dauerhaft mit einem stillen, werbefreien Archiv vereinbaren lassen. Dass die Gründer bleiben sollen, ist das deutlichste Zeichen dafür, dass beide Seiten wissen, wie leicht man dieses Publikum verliert.

Der Vergleich mit Goodreads liegt nahe – und er ist eine Warnung. Goodreads war einst ein lebendiges soziales Netzwerk für Leser, bis Amazon es kaufte und jahrelang kaum weiterentwickelte. Die Times hat gezeigt, dass sie Zukäufe integrieren kann; The Athletic zeigt zugleich, wie teuer und mühsam das sein kann. Ob Cinephile die Werbemaschinerie eines Zeitungsverlags akzeptieren, ist die eigentliche Frage hinter den 330 Millionen Dollar.