Die drei deutschen Nachrichtendienste bekommen eine gemeinsame Cloud für Dokumente bis zur Einstufung „Geheim“. Die technische Grundlage kommt ausgerechnet von Google.
Nach Recherchen von NDR und WDR planen der Bundesnachrichtendienst (BND), das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und der Militärische Abschirmdienst (MAD) eine gemeinsame „ND-Cloud“ auf Basis einer air-gapped Variante der Google Distributed Cloud. Air-gapped heißt hier, was es sagt: Das System läuft autonom, ohne Verbindung ins Internet und ohne Anbindung an Googles öffentliche Cloud. Die Daten sollen in Deutschland liegen, Google soll keinen Zugriff haben. Das IT-Systemhaus der Bundeswehr, BWI, das im Sommer eine Google-Partnerschaft angekündigt hat, soll beim Betrieb helfen. Verfassungsschutzbehörden der Länder sollen später angeschlossen werden.
Das Motiv ist konkret. Wer heute ein als „Geheim“ eingestuftes Dokument lesen will, geht in der Regel an einen speziell gesicherten Rechner im Büro; ein Versand per E-Mail ist aufwendig. Eine gemeinsame Cloud soll den Austausch bis zur höchsten Schutzstufe erstmals elektronisch erlauben. Vom BND heißt es, er solle im Rahmen der Strategischen Aufklärung künftig mehr Daten erfassen, speichern und verarbeiten dürfen, mit automatisierten, KI-gestützten Auswertungen – Arbeitslasten, die abgeschottete Einzelrechner nicht tragen.
Die Kostenschätzung liegt bei mindestens 500 Millionen Euro. Formell beschlossen ist nichts: Mehrere Komponenten sind noch im Zulassungsverfahren beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Haushaltsmittel sollen erst nach der Zulassung freigegeben werden. Der ursprünglich für das erste Quartal 2027 geplante Betriebsstart verschiebt sich.
Der technische Einwand betrifft nicht den Air Gap, sondern die Updates. „Die Updates kämen weiterhin von Google. Dann stellt sich die Frage: Kann der Betreiber hierzulande überhaupt beurteilen, welche Auswirkungen ein Update möglicherweise hat?“, sagte Sven Herpig von der unabhängigen Organisation Interface dem ARD-Hauptstadtstudio – und daran schließt sich die Frage an, wie groß eine Änderung sein muss, damit eine neue Version erneut bewertet und zugelassen werden muss. Diese Abhängigkeit ist nicht theoretisch: In Frankreich betreibt Google mit dem Rüstungskonzern Thales das Angebot S3NS, bei dem der Betrieb beim europäischen Partner liegt, die Softwareentwicklung aber beim US-Konzern bleibt. Ohne Googles Unterstützung könne eine so gebaute Cloud Brancheninsidern zufolge einige Monate, im besten Fall etwa ein Jahr weiterlaufen.
Die politische Symbolik ist das schärfere Problem. Die Vergabe des Kerns der nachrichtendienstlichen Datenverarbeitung an einen US-Hyperscaler liest sich als Eingeständnis, dass europäische Anbieter derzeit kein vergleichbares Leistungsniveau erreichen. Viele EU-Anbieter hatten gehofft, gerade Sicherheitsbehörden würden sie trotz Mehrkosten buchen und als Ankerkunde die Investitionen grundfinanzieren. Die Vorgeschichte stimmt nicht optimistisch: Google und die Deutsche Telekom stellten 2021 eine hochsichere Cloud vor; für die air-gapped Variante gewannen sie Berichten zufolge keinen einzigen Kunden.
Der Widerspruch wird auch politisch benannt. „Die Sicherheit und Souveränität einer nachrichtendienstlichen Cloud ist von überragender sicherheitspolitischer Bedeutung“, sagte Konstantin von Notz, stellvertretender Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums. Es werfe Fragen auf, dass die Bundesregierung sich für einen US-Anbieter entschieden habe; sie werde beantworten müssen, warum eine europäische Lösung aus ihrer Sicht nicht möglich war. Die Behörden selbst halten sich bedeckt; das BfV teilte nur mit, seine Handlungsfähigkeit hänge direkt von modernen IT-Plattformen ab und europäische Lösungen seien für die eigene Resilienz von besonderem Interesse. BfV-Präsident Sinan Selen hatte vor einem Jahr gesagt, sein Haus müsse im Endeffekt Alternativen bieten können.
Auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung in Berlin, der an diesem Dienstag zu Ende ging und ganz auf KI ausgerichtet war, war der Kontrast kaum zu übersehen. Golem.de brachte ihn in eine Überschrift: Die Geheimdienste bauen auf Google, und der Kanzler nennt das europäisch. Friedrich Merz hat digitale Souveränität seit dem Gipfel mit Frankreich 2025 zum Thema gemacht; die diesjährige Veranstaltung sollte Fortschritte bei KI zeigen.
International folgt der Schritt einem eingespielten Muster. Amazon bietet US-Geheimdiensten und dem Militär mit AWS Secret Cloud ein vergleichbares System; in Großbritannien wurde 2021 Berichten zufolge ein Vertrag über eine Geheimdienst-Cloud mit Amazon geschlossen. Das ungelöste Muster ist überall dasselbe: Hyperscaler liefern die Software, der Staat liefert die Abschottung, und bei der Weiterentwicklung bleibt der Staat vom Anbieter abhängig.
Zu beobachten bleibt: ob die BSI-Zulassung mit Auflagen zur Update-Kontrolle kommt, ob das Parlamentarische Kontrollgremium vor der Haushaltsfreigabe förmlich befasst wird – und ob europäische Anbieter für Teilkomponenten zum Zug kommen, nachdem die Vergabe an Google politisch bereits als Vorentscheidung gilt.




