Mercedes-Benz gibt sein europäisches Schnellladenetz ab. Käufer ist der französische Ladeanbieter Electra – 47 Standorte mit 374 Schnellladepunkten wechseln den Besitzer, davon 31 in Deutschland und sechs in Österreich. Die Transaktion ist Teil einer neuen Partnerschaft und gilt ab sofort.

Für Electra ist das ein Sprung: In Deutschland, wo das Unternehmen erst im Mai 2025 gestartet ist, wächst das Netz laut eigener Angabe von 50 auf 81 Ladeparks – ein Plus von mehr als 60 Prozent. Europaweit betreibt Electra nach eigenen Angaben mehr als 800 Standorte mit rund 5.000 Ladepunkten in zehn Ländern; bis 2030 sollen daraus 15.000 Schnellladepunkte werden. Allein in Deutschland will Electra im kommenden Jahr 200 Millionen Euro investieren.

Für Mercedes-Kunden ändert sich wenig – und doch einiges. Die gewohnten Standorte bleiben, die Bedienung bleibt, aber die günstigen Tarife und Funktionen wie die Reservierung von Ladepunkten, die bisher dem eigenen Netz vorbehalten waren, gelten künftig auch bei Electra. Über den Dienst MB.CHARGE Public erhalten Mercedes-Fahrer ermäßigte Roaming-Tarife an mehr als 800 Electra-Standorten, insgesamt über 5.000 Ladepunkte in zehn europäischen Ländern. Electra wird damit neben Ionity, an dem Mercedes beteiligt ist, der zweite „Premium Partner“ im Ladedienst der Marke.

Der Deal ist auch finanziell dokumentiert. Einen Kaufpreis nennen beide Seiten nicht, doch der Quartalsbericht von Mercedes-Benz zeigt: Das verkaufte Europanetz war zuletzt mit 99 Millionen Euro bewertet, davon 73 Millionen Euro Sachanlagen, bei 21 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Der Aufsichtsrat der Mercedes-Benz Group AG hatte den Verkauf bereits im Juli 2026 beschlossen, der Kaufvertrag wurde am 3. August unterzeichnet – bekannt wurde das erst jetzt.

Damit endet eine Strategie, die ambitioniert begann. 2023 startete das Mercedes-Benz Charging Network, vor einem Jahr hieß es noch, das Netz wachse kontinuierlich und solle innerhalb eines Jahres auf bis zu acht weitere Länder ausgeweitet werden. Bis zum Ende des Jahrzehnts wollte Mercedes weltweit mehr als 10.000 Schnellladepunkte betreiben. Für neue europäische Standorte war ab 2026 das HYC1000-Ladesystem des Südtiroler Herstellers Alpitronic vorgesehen; die ersten dieser Systeme stehen in Hamburg-Wandsbek und am 24-Autohof in Wörrstadt und gehen nun in Electras Netz über.

In Europa verfolgt Mercedes diese Strategie nicht mehr direkt. Eigene Schnellladestationen soll es vorerst nur noch in China und den USA geben. Statt Infrastruktur zu betreiben, setzt der Konzern auf Zugang über Partner und ermäßigte Roaming-Tarife – ein Muster, das in der Branche Schule macht, weil der Betrieb von Ladehubs kapitalintensiv ist und erst bei ausreichender Größe trägt. Electra-Deutschlandchef Paul Tonini sagt es so: Die Kosten seien für die erzielten Erlöse schlicht zu hoch, weshalb sich der Markt zunehmend um größere Anbieter konsolidiere.

Die technische Umstellung ist bereits vollzogen. Über das Wochenende hat Electra die früheren Mercedes-Standorte in sein Backend migriert und auf den Displays der Ladesäulen den Hinweis angebracht, dass sie nun zu Electra gehören. In den Lade-Apps erscheinen die Standorte bereits als Electra-Punkte. In den kommenden Tagen werden die Terminals für Ad-hoc-Zahlungen ersetzt, anschließend verschwinden die Mercedes-Sterne von den Säulen. Personal ist von der Übernahme nicht betroffen – es geht nur um Standorte und Kundenzugang.

Was das bedeutet: Für Fahrer wird das Laden nicht billiger, aber einfacher, weil ein tariflich bevorzugtes Netz wegfällt und ein größeres an seine Stelle tritt. Für Mercedes ist es das Eingeständnis, dass Hardwarebetrieb nicht zum Kerngeschäft gehört. Und für den Markt ist es ein weiteres Zeichen, dass Europas Ladenetz nicht aus vielen kleinen Netzen bestehen wird, sondern aus wenigen großen – mit den Automarken als Kunden statt als Betreibern.