Nacktmulle leben in hochkooperativen Gesellschaften, in denen sich nur ein einziges Weibchen fortpflanzt, während alle anderen sammeln und sich um den Nachwuchs kümmern. Doch wie hält die Königin ihre Untertanen in Schach? Forschende um Gary Lewin vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin haben die Antwort in einem einzigen Molekül gefunden: Isopropylmyristat (IPM). Der Stoff, für Menschen geruchlos, wird ausschließlich von brütenden Königinnen produziert und aktiviert im Gehirn der anderen Tiere den Riechkortex — die Region, die für den Geruchssinn zuständig ist.
Die Wirkung ist dramatisch, wie das Team in einem am 15. Juli in Nature veröffentlichten Artikel berichtet: Tiere, die dem Duft ausgesetzt sind, kämpfen nicht und paaren sich nicht — bis die Königin und ihr Geruch verschwinden. In einem Experiment entfernten die Forschenden die Königin und behandelten die Kolonie täglich mit IPM. „Über die gesamten drei Monate gab es keine Kämpfe. Alle waren zufrieden miteinander … und es gab keinen Sex“, sagt Lewin. Sobald die Behandlung endete, kam es innerhalb einer Woche zum ersten Todesfall, bald darauf zu Paarungen und schließlich entstand eine neue Königin. In isolierten Paaren wurden fünf von sechs unbehandelten Weibchen schwanger, während bei den mit IPM behandelten Paaren weder Schwangerschaften noch Paarungen auftraten.
Blutuntersuchungen zeigten, dass die Verbindung die Fruchtbarkeitshormone reguliert: Sie senkt Progesteron und erhöht Prolaktin, wodurch Schwangerschaften unterdrückt werden. Bemerkenswert ist auch die Überwachungsfunktion des Geruchs: Die Königin produziert IPM nur, wenn sie trächtig ist oder sich auf eine Trächtigkeit vorbereitet. Stellt sie die Produktion ein, wissen die anderen Tiere, dass die Königin ihre Aufgabe nicht erfüllt — und töten sie, so Lewin.
Für die Forschung ist der Fund ein seltener Einblick in ein Verhalten, das unter Säugetieren extrem ungewöhnlich ist. „Wir halten das für etwas Einzigartiges am Menschen, aber tatsächlich tun Nacktmulle das schon seit Millionen von Jahren, lange bevor wir auf der Bildfläche erschienen sind“, sagt Lewin. Um die Duftproben zu gewinnen, griffen die Forschenden auf eine Technik zurück, die ursprünglich für die Sammlung von Geruchsproben aus Außentoiletten entwickelt wurde — ein Detail, das zeigt, wie unkonventionell die Pionierarbeit an den seltsamsten Tieren des Tierreichs sein kann.
Quellen
- sciencenews.orgScience News: Naked mole-rat queens rule their colonies with a potent odor
- nature.comNature: A queen odour mediates reproductive suppression in a eusocial mammal
- smithsonianmag.comSmithsonian Magazine: Naked Mole-Rat Queens Emit a Special Scent to Stop Their Rivals From Reproducing
- mdc-berlin.deMax Delbrück Center: The smell of success




