Kaum jemand hat die Maus schneller bewegt als Johnathan Wendel. Als „Fatal1ty“ klickte er sich um die Jahrtausendwende an die Weltspitze der Videospieler und holte fast eine halbe Million Dollar Preisgeld, vor allem in „Quake“. Und er spielte mit einer Einstellung, die heute viele irritiert: umgekehrter Y-Achse. Maus nach vorn, Blick nach unten. Maus zu sich heran, Blick nach oben. Wie ein Pilot am Steuerknüppel.
„Ich benutze seit dem ersten Teil von Quake eine invertierte Maus“, sagte der 45-Jährige dem Magazin heise online. „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich dadurch irgendwelche Nachteile hatte.“ Im Gegenteil: „Ich liebe es.“ Er spielt so auf PC, Konsole und Handydisplay. „So bin ich seit meiner Kindheit verdrahtet. Ich werde das nie ändern.“
Die Generation Z schüttelt bei solchen Einstellungen den Kopf. Wer heute die Maus nach vorn schiebt, schaut nach oben – dorthin, wo der Zeiger hinwandert, wie auf dem Desktop. Invertierer gelten als Einhörner, unter Profis gibt es fast keine mehr; eine Ausnahme ist der Counter-Strike-Spieler „FASHR“, der allerdings auch mit der rechten Maustaste vorwärtsläuft. In Foren schreibt ein Nutzer: „Ich invertiere nie. Ich bin 44 Jahre alt und kein Flugzeug. Normalerweise bin ich ein Typ am Boden, der mit einer Pistole rumläuft.“
Warum gibt es die Spezies überhaupt noch? Der Medienwissenschaftler Jochen Koubek von der Universität Bayreuth ist überzeugter Invertierer und erklärt es mit Embodiment, also der Verschmelzung mit der Spielfigur. Bei Invertierern sitzt der Steuerhebel gewissermaßen auf dem Kopf der Figur: Hebel nach vorn, Kopf nach unten. Bei der nicht-invertierten Steuerung sitzt er hinter den Augen, und man lenkt den Blick direkt.
Historisch liegt die Erklärung in den Neunzigern. „Wer in den 1990er-Jahren gespielt hat, der ist mit Flugsimulatoren an die 3D-Welt herangeführt worden“, sagt Koubek. In „Wing Commander“ zog das Raumschiff die Nase hoch, wenn man den Joystick zu sich bewegte. Entwickler übertrugen das Cockpit-Gefühl auf Shooter wie „Duke Nukem 3D“, oft ohne Alternative in den Einstellungen. Auf Reddit heißt es: „GoldenEye 64 hat mich trainiert.“
Die Wissenschaft hat nachgemessen – und keine Erklärung gefunden. Auslöser war ein Artikel im „Guardian“; die Forscherin Jennifer Corbett untersuchte mit ihrem Team, ob Joystick-Gewohnheiten an Alter, Spielerfahrung oder Konsolentyp liegen. Fehlanzeige: „Keiner dieser Faktoren hatte einen Zusammenhang mit der Inversion.“ Auffällig war etwas anderes – die Teilnehmer hatten sich alle schon vor dem Test entschieden.
Corbett zieht daraus einen unbequemen Schluss für die Branche: Studios holten nicht das Beste aus Spielern heraus. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass Spieler teilweise suboptimale Einstellungen treffen, auch dann, wenn sie sich sicher sind, auf eine bestimmte Weise besser zu spielen.“ Der Vergleich: Linkshänder, die gezwungen wurden, mit rechts zu schreiben. Es fühle sich richtig an, sei auf Dauer aber anstrengender fürs Gehirn. „Letztendlich kommt es darauf an, was für den Einzelnen am besten klickt.“
Für Invertierer wird es trotzdem mühsamer. In aktuellen Spielen muss man die Y-Achse meist von Hand umstellen – wenn es überhaupt geht. In „Alan Wake 2“ auf der Playstation 5 lässt sich die Blickrichtung umkehren, bei Autofahrten zieht die Kamera aber weiter nach oben, wenn man nach oben drückt. Für „R.E.P.O.“ haben Fans eigene Werkzeuge geschrieben, um die vertikale Blickrichtung zu drehen.
Was bleibt, ist eine Gewohnheit, die niemand mehr erklären kann und die trotzdem sitzt.




