Am 3. November, um 13:15 Uhr, korrigierte Eurojust still eine Zeile in der eigenen Pressemitteilung: Die Liste der beteiligten Länder hatte sich geändert. Es war die einzige sichtbare Spur davon, wie viele Teile dieser Einsatz hatte.
Zu diesem Zeitpunkt hatten Behörden in Albanien, Zypern, Finnland, Deutschland, Israel, Kosovo und Nordmazedonien 17 Orte durchsucht, sieben Verdächtige festgenommen, deren Auslieferung nach Deutschland angestrebt wird, und mehr als 100 Server beschlagnahmt. Geleitet wurde die Aktion von der Staatsanwaltschaft Itzehoe in Schleswig-Holstein, koordiniert von Europol und Eurojust.
Das Ziel war kein Callcenter.
Laut Europol richtete sich die Untersuchung gegen ein Unternehmen, das im Verdacht steht, betrügerische Handelsplattformen an die kriminellen Gruppen geliefert zu haben, die die Callcenter betrieben — mutmaßlich als Crime-as-a-Service-Modell von Zypern und Israel aus. Dessen Kunden sollen wiederum Callcenter in Albanien, Kosovo und Nordmazedonien betrieben haben.
Der Trichter, Schritt für Schritt
Der Mechanismus ist erschreckend reproduzierbar. Täuschende Affiliate-Werbung lockte Menschen auf Plattformen, die wie seriöse Anlageangebote für Kryptowährungen, Devisen oder Aktien aussahen. Die dort hinterlassenen Daten wurden an kriminelle Callcenter verkauft. Angeblich Broker riefen anschließend mit einem Anlageangebot an.
Eine kleine erste Überweisung wurde nahegelegt. Das Konto zeigte danach fiktive Gewinne, was die Plattform glaubwürdig und das Investment erfolgreich aussehen ließ. Diese Buchgewinne dienten als Hebel für immer größere Beträge. Wer auszahlen wollte, wurde hingehalten, blockiert, vertröstet. Irgendwann brach der Kontakt ab, und das Geld war weg.
Nach der Bilanz der Ermittler liegen die belegten Schäden über 4 Millionen Euro, potenzielle Opfer gibt es in mehr als 50 Ländern. Genau diese Lücke ist die Geschichte: Die Zahl spiegelt, was die Polizei rekonstruieren konnte, nicht was genommen wurde.
Warum der Lieferant das Ziel war
Gegen den Plattformanbieter statt gegen die Callcenter vorzugehen, ist eine bewusste Entscheidung über Hebelwirkung. Ein einzelner Betreiber, der Websites, Handelsfrontends und gefälschte Kontostände liefert, lässt sich an Dutzende separate Betrugsoperationen anschließen. Wird er entfernt, schwächt das viele gleichzeitig; die Festnahme eines Callcenter-Leiters nicht.
Die Ermittlungen dauerten vier Jahre. Sie begannen 2022, als ein deutsches Paar meldete, es könne Geld von einer Online-Handelsplattform nicht abheben. Ein erster internationaler Aktionstag brachte zwei Festnahmen. Eine von Europol unterstützte Analyse identifizierte sieben weitere Verdächtige, darunter mutmaßliche Callcenter-Manager. Ein zweiter Aktionstag 2025 führte zu weiteren Festnahmen und beschlagnahmtem Material — dessen Auswertung den mutmaßlichen Infrastruktur-Anbieter und seine Verbindungen zu den Callcentern offenlegte.
Eurojust koordinierte Europäische Ermittlungsanordnungen, Europäische Haftbefehle und Einfrierbeschlüsse und richtete zwei gemeinsame Ermittlungsgruppen ein: eine mit Albanien, Deutschland und Polen, eine mit Albanien und Kosovo. Europols Europäisches Zentrum für Finanz- und Wirtschaftskriminalität lieferte die Analyse und entsandte am Aktionstag Expertinnen und Experten nach Albanien und Kosovo für forensische Sofortarbeit und Datenbankabgleiche.
Was offen bleibt
Die sieben Festgenommenen sind Verdächtige; es gibt keine Verurteilung, die Vorwürfe sind gerichtlich ungeprüft. Die Server sind jetzt Beweismittel, kein Dienst — die Plattformen sind offline, aber wer eingezahlt hat, ist durch eine Beschlagnahme nicht entschädigt. Vermögensabsicherung und Opferidentifizierung über mehr als 50 Jurisdiktionen laufen langsam, und die meisten Opfer von Anlagebetrug erstatten nie Anzeige. Deshalb untertreibt die geografische Reichweite in einer Europol-Meldung fast immer das tatsächliche Ausmaß.
Was der Fall zeigt, ist ein Muster: Wenn der Betrugs-Stack als Dienstleistung vermietet wird, ist der Vermieter das lohnendere Ziel als die Mieter.
Quellen
- europol.europa.euEuropol: Investment scams with potential victims in at least 50 countries — over 100 servers seized
- eurojust.europa.euEurojust: International investment fraud scheme dismantled — seven arrests
- bleepingcomputer.comBleepingComputer: Police seize over 100 servers in investment scam crackdown
- golem.deGolem: Anlagebetrug — Polizei legt Betrugsnetzwerk lahm und übernimmt 100 Server
- occrp.orgOCCRP: Seven arrested in international operation targeting investment fraud




