Der menschliche Körper beherbergt eine Menagerie ruhender Viren. Eine wegweisende Studie zeigt: COVID-19 kann viele von ihnen wecken.

Forschende der University of Texas in Austin begleiteten 1.154 Menschen, die wegen schwerem COVID-19 ins Krankenhaus kamen, zwölf Monate lang und durchsuchten Gen-Transkriptdaten aus Blut- und Nasenabstrichproben nach Anzeichen aktiver Viren. Die in Nature veröffentlichte Studie fand, dass bei fast der Hälfte der Patientinnen und Patienten mindestens ein bereits vorhandenes Virus reaktiviert wurde – selbst bei Menschen mit sonst normalem Immunsystem.

Die reaktivierten Viren tauchten an unterschiedlichen Punkten der Erkrankung auf: Das Epstein-Barr-Virus (EBV) wurde häufig bei der Krankenhauseinweisung nachgewiesen, während das Zytomegalievirus (CMV) einige Wochen später anstieg. Auch Anelloviren, eine weit verbreitete und meist harmlose Gruppe, waren häufig. Die Reaktivierung eines dieser Viren war in den ersten Wochen mit schwereren COVID-19-Verläufen verbunden.

Anders als frühere, kleinere Studien fand das Team keinen direkten Zusammenhang zwischen EBV und der Erschöpfung sowie dem Gehirnnebel von Long COVID. Wohl aber einen Zusammenhang zwischen Anellovirus-Reaktivierung und anhaltender Müdigkeit sowie Hinweise darauf, dass diese Viren zur Immun-Dysregulation beitragen könnten. Co-Autorin Esther Melamed sagt, ihr Team wolle nun in einer klinischen Studie testen, ob Medikamente, die das Wiedererwachen von Viren blockieren, Long COVID verhindern oder lindern können – eine Frage, die auch andere Forschende untersuchen, darunter eine kleine Mount-Sinai-Studie mit dem HIV-Medikament Truvada.