Die Mitteilung der Alliance for Open Media vom 22. Oktober war keine Spezifikationsankündigung – AV2 1.0 war im Juni erschienen –, sondern eine Inventur: vier Monate nach dem Standard stand dort, wer schon darauf aufbaut. Die Namen sind die, auf die es ankommt: Googles Chrome, YouTube, Netflix, Prime Video, Metas Facebook und Instagram, dazu Intel mit einem neuen CPU-Encoder.

Des Keane, Engineering Director bei YouTube, nannte im Release den Zeitplan: „YouTube-AV2-Streams wird es für das Web so früh wie Anfang 2027 geben." Er nannte auch die Basis, die ersetzt wird: Stand 19. März 2026 werden mehr als 90 Prozent von YouTubes Katalog, gewichtet nach Sehzeit, bereits in AV1 ausgeliefert.

Jim Bankoski, VP of Engineering für Chrome, nannte die Browser-Unterstützung „einen spannenden ersten Schritt zu besserem Video im Web" und sagte, Partner wie YouTube, Netflix und Prime Video prüften das Format. Metas Hassene Tmar erklärte, AV1 sei inzwischen das beliebteste Auslieferungsformat für Facebook- und Instagram-Videos, und Meta wolle dieselbe Investition in AV2 weitertragen. Intels Iole Moccagatta verwies auf SVT-AV2, den Nachfolger des SVT-AV1-Encoders, der einen Großteil der AV1-Produktion getragen hat.

Was die 30 Prozent wirklich kaufen

AOMedia misst AV2 mit rund 30 Prozent besserer Kompressionseffizienz als AV1 – gleiches Bild bei niedrigerer Bitrate oder besseres Bild bei gleicher Bitrate –, dazu Arbeit an Multi-Stream-Video, Echtzeitkommunikation, immersiven Formaten, höheren Bildraten und HDR. Das ist die Zahl, die jeder Streaming-Finanzchef hören will.

Es ist auch eine Zahl, die überwiegend im eigenen Entwicklerumfeld des Codecs entstanden ist. Unabhängige Vergleiche von AV2 gegen AV1 und gegen die neuesten MPEG-Codecs stehen noch aus, und die Allianz selbst spricht von Effizienz nach objektiven Qualitätsmetriken, nicht von subjektiven Sehtests.

Die Rechnung kommt beim Client

Jean-Baptiste Kempf, Präsident von VideoLAN, nannte für den Gewinn eine kleinere Zahl – Verbesserungen um 25 Prozent gegenüber AV1 seien üblich, einzelne Messungen höher – und für die Kosten eine viel größere. Das Dekodieren von AV2 sei etwa fünfmal so aufwendig wie bei AV1, schrieb er. Software auf aktueller Hardware werde es ohne Optimierung für die jeweilige Prozessorarchitektur schwer haben, AV2 in Echtzeit abzuspielen.

Deshalb baut VideoLAN bereits dav2d, den Nachfolger von dav1d, dem Decoder, der AV1 auf gewöhnlichen CPUs praktikabel gemacht hat. Deshalb ist auch die in dieser Woche bekannt gewordene Reihenfolge der Einführung aussagekräftig: Die ersten AV2-Streams sind Web-Streams – ein Desktop-Browser mit schnellem Allzweckkern und Netzstecker, nicht ein fünf Jahre altes Telefon im Zug.

Warum der Wechsel dort langsam bleibt, wo es zählt

Codec-Wechsel laufen heute softwaregetrieben und sind hardwarebegrenzt. AV1 erschien 2018 und brauchte Jahre, bis es Routine war; erst in diesem Jahr erreichte es 90 Prozent von YouTubes Katalog. AV2 hat den Vorteil eines reifen AV1-Ökosystems – Encoder, Teststreams, Konformitätswerkzeuge –, startet aber mit Dekodierkosten, die genau jene Geräte bestrafen, die am wenigsten Spielraum haben: Telefone, Tablets, Smart-TVs und billige Streaming-Sticks.

Kein Mitglied nannte einen Zeitplan für Hardware-Decoder. Bis Silizium mit AV2-Blöcken kommt, ist eine Zwei-Klassen-Internet zu erwarten: AV2 für Browser und Set-Top-Boxen, die sich die Rechenzyklen leisten können, AV1 für alles, was am Akku hängt. Die Bandbreitenersparnis ist real; bezahlt wird sie in Joule.

Worauf zu achten ist

Ob Netflix und Prime Video ihren AV2-Rollout datieren statt ihn zu „prüfen"; ob unabhängige Qualitätsvergleiche die 30 Prozent bestätigen; und ob dav2d nahe genug an dav1d herankommt, dass Software-Dekodierung auf Mittelklasse-Hardware lebensfähig bleibt. Bis diese drei Fragen geklärt sind, ist AV2 eine Spezifikation mit hervorragendem Marketing und einer unfertigen Client-Geschichte.