Im sechzehnten Jahr in Folge lautet die Antwort auf die Frage, ob das Internet freier wird: nein. Freedom on the Net 2026 von Freedom House, am 22. Oktober veröffentlicht, verzeichnet Verschlechterungen in 16 der 38 untersuchten Länder und Verbesserungen in nur acht. Der Bericht deckt Entwicklungen von Juni 2025 bis Mai 2026 ab; die Stichprobe umfasst rund 71 Prozent der Internetnutzer weltweit.

Der prominenteste Fall ist der Iran, mit dem größten Rückgang des Jahres – nun gemeinsam mit China und Myanmar die schlechtesten Umgebungen für Internetfreiheit. Die Behörden verhängten eine landesweite Abschaltung von etwa 88 Tagen, die längste in der Geschichte des Berichts, und bauten den Zugang anschließend so um, dass nur wenige Privilegierte globale Plattformen erreichen. Russland weitete Abschaltungen und VPN-Beschränkungen aus und hielt staatlich genehmigte Dienste erreichbar: ein Internet erlaubter Ziele.

Drei Mechanismen

Erstens die Isolierung: nicht mehr Zensur einzelner Seiten, sondern Kontrolle darüber, wer überhaupt verbunden ist.

Zweitens die Altersprüfung. In 10 der 38 Länder wurden bis Juni 2026 Gesetze zur Altersverifikation für soziale Medien oder andere nicht-pornografische Inhalte vorgeschlagen, verabschiedet oder umgesetzt. Australien und Indonesien führten Sperren für unter 16-Jährige ein. Die Türkei schlug einen Rahmen vor, der Social-Media-Konten über eine staatlich betriebene digitale Identität an den bürgerlichen Namen bindet. Der Einwand des Berichts lautet nicht, Kinderschutz sei falsch. Er lautet, dass dieser Mechanismus Anonymität in einen Identitätskontrollpunkt für alle verwandelt – und die Datenspur, die dabei entsteht, ist für Behörden weit nützlicher als für Eltern.

Drittens die Regeln zu KI-Inhalten. Regierungen gingen gegen Identitätsmissbrauch, Belästigung und Kindesmissbrauch vor, doch einige nutzten die Gesetze, umOnline-Äußerungen einzuschränken. Freedom House nennt das ausdrücklich eine Weaponisierung von Vorschriften, die einen echten Schaden adressieren.

Wer sich bewegt hat

Georgien fiel von „Free" auf „Partly Free", nachdem die Behörden Online-Aktivismus und als regierungskritisch wahrgenommene Äußerungen weiter unterdrückten. Jordanien und Nigeria verzeichneten deutliche Rückgänge. Bangladesch verbesserte sich zum zweiten Mal in Folge am stärksten, danach Gambia; Estland bleibt die freieste Online-Umgebung. Der Wert der Vereinigten Staaten blieb unverändert, bei anhaltender Sorge um Meinungsfreiheit: Der TAKE IT DOWN Act trat im Mai 2026 mit seinen Löschpflichten in Kraft – ein wichtiger Schritt gegen sexuellen Missbrauch online, aber mit offenen Fragen zu Schutzvorkehrungen gegen Falschmeldungen.

„Autoritäre Regime bauen das Internet zu einem Kontrollsystem um und entscheiden, wer sich verbinden darf, was er sehen kann und ob er gehört wird", sagte Kian Vesteinsson, Autor des Berichts. „Nach 16 Jahren Niedergang müssen Demokraten den Kampf für ein freies und offenes Internet anführen."

Was der Bericht verlangt

Internetdienstanbieter sollen ihnen zugestellte Abschaltbefehle öffentlich machen und sich verpflichten, unverhältnismäßige oder rechtswidrige Anordnungen anzufechten. Die US-Regierung soll den Open Technology Fund verlässlich finanzieren, der Umgehungswerkzeuge für Menschenrechtsverteidiger und Journalisten entwickelt. Regierungen sollen auf der ITU-Weltfunkkonferenz 2027 Notfall-Satellitenzugang vorantreiben. Geldgeber sollen Forschung zu Altersprüfverfahren finanzieren, die die Privatsphäre tatsächlich wahren.

Genau dort liegt die Spannung. Der Bericht verlangt etwas, das es in Größenordnung noch nicht gibt: Altersverifikation ohne Identitätsregister. Wer heute 16-Jährige aussperren will, braucht Gesichter, Ausweise oder Konten – und jedes dieser Verfahren erzeugt genau die Datenspur, die der Bericht als Gefahr beschreibt. Kinderschutz und Anonymität sind nicht prinzipiell unvereinbar, aber die technische Lösung dafür ist bislang ein Forschungsauftrag, keine Produktkategorie.

Was der Index nicht zeigt

38 Länder sind kein Weltbild; der Bericht deckt rund 71 Prozent der Nutzer ab und lässt weite Teile Afrikas, Zentralasiens und Lateinamerikas außen vor. Die Punktwerte aggregieren 21 Indikatoren zu einem Urteil, und das Erhebungsfenster endet im Mai 2026 – alles danach ist nicht gezählt. Wer die Zahl „16 Jahre Niedergang" als Trendlinie liest, liest eine konsistente Methodik, nicht eine Messung jedes einzelnen Jahres gegen dieselben Länder.

Der gemeinsame Nenner der drei Mechanismen ist trotzdem klar, und er verschiebt sich: Der Zugriff auf Inhalte war gestern das Ziel, heute sind es Identität und Erreichbarkeit. Eine Firewall, die umgangen wird, ist ein politisches Problem. Ein Identitätsnachweis, der Voraussetzung für Teilhabe ist, ist ein strukturelles.