Fragt man Menschen aus Amsterdam, Athen oder Shanghai, wo sie kitzlig sind, bekommt man verblüffend ähnliche Antworten. Zwei Neurowissenschaftler der Radboud-Universität in den Niederlanden rekrutierten 448 Teilnehmer mit niederländischem, griechischem und chinesischem kulturellem Hintergrund, befragten sie zu ihren Erfahrungen mit Kitzeln und ließen sie Körperkarten ausmalen, auf denen sie angeben, wo sie das Gefühl spüren. Das Ergebnis: Fast jeder kitzelt, fast jeder ist kitzlig – und die Hotspots (Hals, Achseln, Bauch und Fußsohlen) waren laut der am 10. August in Nature Human Behaviour veröffentlichten Studie über Kulturen und Individuen hinweg höchst konsistent.

„Kitzelgefühl scheint physiologisch und psychologisch eine eigene Klasse zu sein“, sagte Erstautor Ziliang Xiong. „Es wirkt nicht wie ein bloßes Nebenprodukt oder eine Integration anderer Körperempfindungen.“ Als die Forschenden die Kitzel-Karten mit Karten für Schmerz und angenehme Berührung verglichen, erwies sich die Empfindung als klar eigenständig – keine Mischung aus beidem. Kitzligkeit zeigte sich zudem stärker in selten berührten Regionen, was darauf hindeutet, dass der Körper unerwarteten Kontakt an verletzlichen Stellen markieren könnte.

Die Studie unterscheidet zwei Formen des Kitzelns: Gargalesis, der starke, repetitive, mit Spiel verbundene Druck, der Lachen und Zappeln auslöst, und Knismesis, eine federleichte Berührung ohne Lachen, die unter anderem wegen ihrer Ähnlichkeit mit Juckreiz untersucht wird. Die Autoren sagen, die Arbeit lege das Fundament für standardisierte Forschung zu dem, was Michael Brecht, Neurowissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin und Erforscher des Kitzelns bei Ratten und Menschen, „eine wirklich sehr schlecht verstandene Empfindung“ nennt.

Die Universalität der Karten ist umso bemerkenswerter, als emotional verarbeitete Berührungen – etwa eine Umarmung – kulturell sehr unterschiedlich interpretiert werden. Kitzeln hingegen scheint geteilt zu sein. Das ergibt evolutionär Sinn: Kitzeln und das dabei ausgelöste Lachen finden sich über Arten hinweg, von Menschenaffen, die sich gegenseitig kitzeln, bis zu Ratten und Erdmännchen, die auf menschliches Kitzeln reagieren – ein Hinweis auf eine uralte, tief verdrahtete Rolle der Empfindung in Spiel, Bindung und sozialer Signalisierung. Die nächste Frage – warum der Körper überhaupt so verdrahtet ist – wollen die Forschenden mit standardisierten Studien endlich beantworten.