Die Zahl, die durch die Tech-Presse ging, lautet 667 Megabyte. Das ist die Größe des Windows-11-ISO, das NTDEV – der Entwickler hinter dem Entschlackungsprojekt Tiny11 – mit einem unveröffentlichten Werkzeug namens Pico11 gebaut hat: exakt 699.811.840 Byte, ein paar Megabyte unter der Kapazität eines 700-MB-CD-Rohlings.

Bemerkenswerter als die Zahl ist allerdings, was dafür weg musste, und was das über das Betriebssystem sagt.

Was läuft

In der Demonstration startet das Image in einer virtuellen Maschine mit 4 GB Arbeitsspeicher auf den Desktop. Der Task-Manager zeigt rund 883 bis 900 MB Belegung. Der Rechner rechnet 2+2=4. Die Einstellungen öffnen sich. Notepad speichert eine Textdatei, Paint malt, der Explorer zeigt Laufwerk C: und die Laufwerksliste. Für einen Beweis, dass es sich um ein bootfähiges Windows handelt, ist das eine vollständige Vorführung.

Was nicht läuft

Um auf diese Größe zu kommen, hat NTDEV alles entfernt, was Windows am Leben hält: Windows Update, die Wartungs- und Reparaturfunktionen. Damit lässt sich das System nicht regulär patchen. Es ist kein Ersatz für ein normales Windows 11 und nicht für den täglichen Betrieb gedacht – das sagt der Entwickler selbst. Pico11 ist eine Machbarkeitsstudie, keine Distribution.

Genau hier liegt die eigentliche Erkenntnis: Der größte Teil dessen, was eine heutige Windows-Installation ausmacht, ist nicht der Desktop, nicht die Apps, nicht die Grafikschicht. Es ist die Maschinerie, die das System aktuell und reparierbar hält. Wer sie entfernt, spart rund 90 Prozent des Volumens – und gibt die Eigenschaft auf, die das System überhaupt betreibbar macht.

Der Hinweis, den Tom's Hardware fand

In der Demonstration sieht der Task-Manager alt aus. Tom's Hardware wies darauf hin, dass hier möglicherweise eine ältere, leichtere Version des Task-Managers zum Einsatz kommt. Das ist kein Betrugsvorwurf, aber ein Hinweis darauf, wie solche Projekte arbeiten: Wenn das Ziel eine Zahl ist, werden Komponenten ausgetauscht, bis die Zahl stimmt. Was dann noch "Windows 11" ist, definiert die Marke, nicht ein überprüfbarer Build.

Dazu passt, dass NTDEV die Methode zum Zeitpunkt der Vorführung nicht veröffentlicht hatte. Ein Image ohne nachvollziehbaren Bauplan lässt sich nicht prüfen – weder auf Manipulation noch auf das, was tatsächlich entfernt wurde.

Warum das mehr als Retro-Charme ist

Tiny11 hat drei Stufen: die normale Variante, die Update, Defender und Wiederherstellung behält, eine Core-Variante, die auch das entfernt, und einen Custom-Modus. Pico11 ist die vierte, extremste Stufe – und soll laut NTDEV irgendwann in den Tiny11 Builder einziehen.

Dann wird es interessant. Denn es gibt eine lange Liste von Geräten, auf denen ein ungepatchtes Windows nützlich aussieht: Thin Clients, Kiosksysteme, Test-VMs, alte Laborrechner. Ein 667-MB-Image, das auf einem CD-Rohling läuft, ist dort verlockend. Ein Windows ohne Update-Kanal ist aber kein schlankes Windows, sondern ein dauerhaft verwundbares – und in einem Netzwerk ein Problem, das nicht auf dieses Gerät beschränkt bleibt.

Was zu beobachten ist

- Ob die Technik tatsächlich im Tiny11 Builder landet und ob NTDEV dann die Methode offenlegt. Ohne offengelegten Bauplan bleibt ein Image ein Vertrauensvorschuss. - Ob unabhängige Nachbauten auf dieselbe Größe kommen. Reproduzierbarkeit ist bei modifizierten Betriebssystem-Images die einzige Belastbarkeit. - Ob jemand das Image im Produktivbetrieb einsetzt. Die Versuchung ist genau bei denen am größten, die am wenigsten Zeit für Sicherheitsarbeit haben.