In der ersten Juniwoche fuhr ein Sattelauflieger mit Serverausrüstung im Wert von rund 13 Millionen Dollar nach Osten in Richtung Fayetteville, Georgia – Standort einer der größten Rechenzentrumsentwicklungen des Landes. Er kam nie an. Ein unbemerkter Wagen rammte das Begleitfahrzeug, die beiden als Eskorte angeheuerten Polizisten mussten halten, und der Auflieger fuhr weiter.
Laut NBC News, das mit „mehreren Branchenführern, Beratern und Ermittlern" sprach, die Strafverfolgungsbehörden beraten, haben Diebe seit Juni „mehr als 100 Millionen Dollar an Rechenzentrumsfracht" weggeschafft. Seit 2025 wurden in Kalifornien, Texas und Utah fast zwei Dutzend solcher Vorfälle registriert.
Diebstahl als Softwareproblem
Das Vorgehen ist eine Kette digitaler Schritte mit einem Lkw am Ende:
- Identität eines Speditionsmaklers auf einer Frachtbörse übernehmen, - eine fiktive Ladung einstellen, um echte Gebote zu ködern, - allen antwortenden Transportfirmen einen bösartigen Link schicken, - nach einem Klick die Konten der Opfer übernehmen und auf echte Ladungen bieten, - die Fracht von einem ahnungslosen echten Fahrer abholen lassen oder mit gefälschten – zunehmend KI-generierten – Führerscheinen Komplizen anheuern, - die Ladung an einen Fahrer übergeben, der mit den Dieben zusammenarbeitet.
Beim zweitgrößten Fall, einer Ladung Server-Rack-Komponenten im Wert von rund 10 Millionen Dollar von Kalifornien nach Texas, rammte ein SUV das Begleitfahrzeug. Die Fracht wurde laut NBC News zusätzlich per App überwacht – nutzlos, weil die Koordinaten offenbar gefälscht waren.
In beiden größten Fällen wurde nichts gefunden.
Was sonst noch in den Aufliegern lag
Das Büro des Sheriffs von Cook County, Illinois, schätzte eine sichergestellte Ladung auf 300.000 Dollar Kupferdrahtspulen und rund eine Million Dollar „maßgefertigte modulare Stromversorgungslösungen für Rechenzentren". Im Bezirk Los Angeles wurde Kühlausrüstung für Rechenzentren mit Ziel Deepcool AI gefunden – zwischen Nikotinbeuteln, Fernsehern, Schuhen, Druckern, Lautsprechern und Hautpflege.
Das erklärt, warum Ermittler die Folgen nicht auf die KI-Branche begrenzt sehen. Zielobjekte sind Server, Glasfaserkabel, Speicherchips, Kupferdraht und Bitcoin-Miner: Dinge, die sich zerlegen und weiterverkaufen lassen.
Wohin die Ware geht
Anders als bei üblicher Frachtkriminalität lande Rechenzentrumstechnik selten auf offenen Marktplätzen, berichtet NBC News. Stattdessen werde sie in Teile zerlegt und über Graumärkte an Tech-Firmen verkauft, die günstige, fragwürdig beschaffte Hardware suchen. Oft stehe ein ausländischer Käufer schon vor dem Diebstahl fest – besonders in Regionen mit eingeschränktem Zugang zu US-Spitzentechnologie, etwa China.
Keith Lewis von Verisk CargoNet, das Frachtkriminalität erfasst, sagte: „Es ist wie das Stehlen reiner Goldbarren" – und „so viel einfacher, als eine Bank auszurauben".
Die langweilige Gegenmaßnahme
Scott Cornell, Vorsitzender von TAPA Americas, dem größten gemeinnützigen Verband für Lieferkettensicherheitsstandards, nannte gegenüber NBC News die entscheidende Lücke: „Das funktioniert nur, wenn die Fahrer nicht ordentlich überprüft werden."
Branchenvertreter beschreiben internationale Banden, die „im Schach der Lieferkette" spielen. Sicherheitsfirmen eskortieren inzwischen Hunderte Ladungen pro Monat, Großstädte bilden Task Forces, Gesetzgeber sprechen mit den am stärksten betroffenen Branchen. Die Ermittler sagen, das Problem werde nur wachsen, solange KI-Firmen Milliarden in Rechenzentren stecken.
Der unangenehme Befund: Das effektivste Gegenmittel ist kein Algorithmus, sondern ein Anruf, um zu prüfen, wer den Lkw fährt.




