Zwei Tage brauchte die Wall Street, um zu begreifen, was die Wähler am Dienstag gesagt hatten. Am Donnerstag fiel der technologielastige Nasdaq Composite um 5,5 Prozent – der schlechteste Tag seit über einem Jahr – und löschte nach Berechnungen von NPR mehr als zwei Billionen Dollar an Börsenwert aus; andere Häuser bezifferten den Verlust auf 2,3 bis über drei Billionen. Der Index rutschte damit in die Korrektur. Am Freitag folgte eine Teil­erholung: Der Nasdaq legte 1,1 Prozent zu, der S&P 500 ein Prozent, der Philadelphia-Halbleiterindex 4,2 Prozent, AMD sogar elf Prozent, Nvidia 2,8 Prozent. Unter dem Strich blieb die vierte Verlustwoche in Folge und für den S&P 500 die schwächste Woche seit 2025.

Die Ursache war kein Gewinnbericht und kein Zinsentscheid, sondern eine politische Lesart. Die Demokraten hatten die Zwischenwahlen deutlich gewonnen – im Repräsentantenhaus, im Senat und in Landeswahlen. Am Mittwoch hatten die Märkte noch erleichtert reagiert, weil das Ergebnis klar war statt wochenlang umkämpft. Einen Tag später setzte sich die andere Hälfte der Nachricht durch: Die Wähler haben in vielen Wahlkreisen gegen Rechenzentren gestimmt.

Deren Wasser- und Stromverbrauch ist zum lokalen Streitthema geworden, und Kandidatinnen und Kandidaten, die den Ausbau bremsen wollten, wurden dafür belohnt. Am deutlichsten in Texas, wo Gina Hinojosa das Gouverneursrennen gewann. Für Meta und Alphabet ist das ein Problem, weil beide den Ausbau brauchen, um ihre Modelle weiterzuentwickeln.

Besonders hart traf es die Unternehmen von Elon Musk. Tesla und SpaceX fielen überdurchschnittlich, nachdem Musk nach eigenen Angaben mehrere hundert Millionen Dollar in den – erfolglosen – Versuch gesteckt hatte, mehr Republikaner zu wählen. Anleger fürchten, dass seine Firmen nach der Konstituierung des neuen Kongresses im Januar unter Beobachtung geraten.

Für die Einordnung ist wichtig, wie viel davon Politik und wie viel Nervosität ist. Die KI-Investitionen haben die US-Wirtschaft im dritten Quartal mit einem Wachstum von 3,4 Prozent gestützt; ein Einbruch würde weit über das Silicon Valley hinaus wirken, weil Aktien dieser Unternehmen auch in normalen Altersvorsorge- und Pensionsportfolios liegen.

Und die regulatorische Front ist nicht nur Washington. Auf Landesebene sind bereits Projekte gestoppt oder verzögert worden, und die neuen Mehrheiten dürften diesen Weg fortsetzen. Die Botschaft der Anleger vom Donnerstag war weniger „KI ist vorbei“ als „KI wird jetzt verhandelt“ – mit Gemeinden, Landesregierungen und einem Kongress, der ab Januar mitspricht.

Der eigentliche Test kommt am Montag: Ob die Erholung vom Freitag trägt oder ob die Korrektur weiterläuft. Bis dahin bleibt eine Zahl im Raum, die niemand mehr wegdiskutieren kann. Ein Votum gegen Rechenzentren kostete an einem Nachmittag mehr, als die meisten Unternehmen der Branche in einem Jahr erwirtschaften.