Tief im Genom jedes heute lebenden Menschen könnte der Geist einer Menschenlinie verborgen sein, die kein Fossil je enthüllt hat. Ein Team unter der Leitung des Computational Biologen Yulin Zhang (UC Berkeley) und des Genetikers Arjun Biddanda (Johns Hopkins) hat eine Methode namens TRACE entwickelt – Tracking Archaic Contributions via ARG Estimation –, die die tausenden Stammbäume rekonstruiert, die in der DNA jedes Menschen eingebettet sind, und zwar nur anhand der Genome lebender Menschen.
Bei der Analyse von 503 vollständigen Genomen aus Populationen weltweit fanden die Forscher, dass etwa 2 % der nicht-afrikanischen DNA von archaischen Linien stammt – etwa die Hälfte passt zu sequenzierten Neandertalern, ein kleiner Teil zu Denisova-Menschen, der Rest zu nichts, was je sequenziert wurde. Diese unbekannte „Geister“-Linie macht etwa 0,5 bis 1 % des Genoms aus – vergleichbar mit dem Neandertaler-Erbe vieler Menschen – und trat in jeder untersuchten Population auf.
Die Geisterlinie spaltete sich vermutlich vor mehr als einer halben Million Jahren von unserem Zweig ab, etwa zur Zeit der Trennung von Neandertalern und Denisova-Menschen. Auffällig ist, dass sie auch in DNA-Abschnitten auftauchte, die Wissenschaftler als einzigartig modern betrachtet hatten – darunter eine Region um FOXP2, ein Gen, das mit Sprache in Verbindung steht. „Wir waren wirklich überrascht“, sagte Co-Autorin Priya Moorjani, Populationsgenetikerin in Berkeley.
Das Team fand zudem eine zweite, weit ältere Spur: Hinweise auf eine „super-archaische“ Linie in ozeanischen Genomen, die sich vor etwa 1,8 Millionen Jahren abspaltete und vermutlich über Kreuzungen mit Denisova-Menschen in moderne Menschen gelangte – möglicherweise von Homo erectus. Als Kandidaten für die Geisterlinie vermuten die Forscher Homo heidelbergensis, der bis vor etwa 300.000 Jahren in Afrika lebte.
Die in Science veröffentlichten Ergebnisse benötigen noch unabhängige Bestätigung; externe Experten warnen vor möglichen Fehlalarmen. Falls sie sich bestätigen, deuten sie darauf hin, dass die Menschheitsgeschichte weniger ein verzweigter Baum als ein Netz ist: „Hybridisierung ist die Norm und nicht die Ausnahme“, sagte Fernando Villanea von der University of Colorado Boulder. Moorjani formulierte es schlicht: Die Genome lebender Menschen erlauben es Wissenschaftlern nun, verborgene Geschichte „ohne außergewöhnliche Fossil-Erhaltung“ zurückzugewinnen.
Quellen
- scientificamerican.comEveryone Alive May Carry DNA From a 'Ghost Lineage' of Human Ancestors — Scientific American
- livescience.comScientists Discover 2 New 'Ghost' Lineages That Contributed DNA to Modern Humans — Live Science
- science.orgRecovering Signatures of Archaic Hominin Introgression Using Ancestral Recombination Graphs — Science




