In sieben europäischen Ländern meldeten Supermarktketten am Montag, dass Kühl- und Gefriergeräte in ihren Filialen über Nacht auf bis zu 50 Grad Celsius gestiegen seien. Es ist die zweite Welle binnen eines Monats – und die erste, die den Kontinent auf einmal trifft.

Betroffen waren nach Angaben der Ketten und Behörden Belgien, Estland, Finnland, Irland, Luxemburg, die Niederlande und Schweden. Mehrere Unternehmen bestätigten gegenüber Medien, gehackt worden zu sein. Der EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung, Christophe Hansen, nannte die wiederholten Angriffe "einen gezielten Versuch, unsere Lebensmittelversorgungskette zu stören und das Vertrauen der Verbraucher in sie zu untergraben".

Was in den Filialen geschah

In Schweden meldete Coop sechs betroffene Geschäfte. ICA sprach von einer "begrenzten Zahl" von Filialen, deren Kühl- und Gefriersysteme in der Nacht gestört worden seien. Ein ICA-Markt im südschwedischen Sjöbo schrieb, Kühlschränke und Gefriertruhen seien gehackt und die Temperatur auf 50 Grad gesetzt worden; eine Filiale in Stockholm meldete, die Truhen seien "wegen eines Cyberangriffs um 2 Uhr" ausgefallen und "alles war zerstört".

In Belgien und Luxemburg traf es nach Angaben von Ahold Delhaize Dutzende Märkte. Reporter sahen nordöstlich von Brüssel leere Regale und ein Schild: "Wegen Cyberangriffen gibt es keine Produkte in den Kühl- oder Tiefkühlregalen. Wir bitten um Entschuldigung." Die belgische Zeitung Le Soir berichtete von Dutzenden Geschäften, darunter fünf Spar-Märkte, Shop-&-Go-Läden an Q8-Tankstellen und kleinere Proxy-Delhaize-Minimärkte. Stephan Moelans, Chef von Sabcobel, das die Kältetechnik für Delhaize betreibt, sagte der Zeitung, man habe um ein Uhr nachts begonnen, Techniker zu mobilisieren, und "die ganze Nacht und den ganzen Morgen damit verbracht, die betroffenen Anlagen abzuklemmen". Die Verdampfer seien in den Abtaumodus geschaltet worden.

Colruyt meldete Probleme in fünf Filialen, Intermarché in 15, Carrefour Belgien in etwa 15 von 700. "Es ist ein Cyberangriff, es gibt keinen anderen Grund", sagte Carrefour-Sprecher Mich Vergauwen. Ikea Belgien bestätigte, ein Angriff habe die Temperaturen der Truhen in der Filiale Mons sprunghaft steigen lassen; einige Lebensmittel seien vorsorglich aus den Kühlregalen genommen worden.

In Irland meldete SuperValu, die drittgrößte Kette des Landes, ein "Cyber-Vorfall", der Kältesysteme eines bestimmten Modells in 13 von 223 Filialen betraf; gekühlte und tiefgekühlte Ware sei aus dem Verkauf genommen worden. In Estland berichtete der Kältetechnik-Zulieferer Kitman Coldtech dem Sender ERR, Angreifer seien in einen Computer gelangt, der die Kälteanlage steuert, und hätten die Temperatur auf 50 Grad gedreht; die Reaktion habe Minuten gedauert und es sei kein größerer Schaden entstanden. Die Kette Selver bestätigte eine betroffene Filiale. In Finnland untersuchte Kesko ähnliche Störungen, in den Niederlanden berichtete NOS von mindestens 17 überwiegend kleinen Geschäften.

Das Vorbild Frankreich

Die Welle folgt einem Angriff in Frankreich im vergangenen Monat, bei dem Angreifer die Kühlanlagen von bis zu 700 Supermärkten übernahmen und Temperaturen von bis zu 50 Grad erzeugten – bei einzelnen Anlagen von minus 27 Grad aus. Es kam zu Bränden und Lebensmittelverlusten in geschätzt zweistelliger Millionenhöhe; einzelne Märkte meldeten Schäden zwischen einigen Zehntausend Euro und mehr als 130.000 Euro. Betroffen waren unter anderem Intermarché, Coopérative U, Carrefour, Leclerc und Monoprix; die meisten Controller stammten vom dänischen Hersteller Danfoss, der erklärte, einige Sicherheitslücken bereits im Vorjahr identifiziert und Updates "seit Langem empfohlen" zu haben. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt, Frankreichs Regierungschef Sébastien Lecornu beauftragte die Cybersicherheitsbehörde Ansii mit Untersuchungen.

Warum es weitergeht

Auffällig ist das Fehlen von Erpressung. "Viele Cyberangriffe dienen der Erpressung oder sind politisch motiviert und möglicherweise staatlich geführt", sagte Tom Hegel vom Sicherheitsanbieter SentinelOne. Bei diesen Angriffen ohne Geldforderung deute alles auf Sabotage. "Der Einzelhandel ist ein leichtes Ziel, weil Ketten riesige Bestände an Kältereglern, Gebäudetechnik, Türzugangspanels und Kassensystemen betreiben." Patrick Lamplmair von der Firma Tributech sagte, Angreifer würden weitermachen, "bis es nicht mehr funktioniert", weil die Methode billig und der Schaden sofort sei: "Tausende dieser Controller waren nach dem französischen Angriff noch aus dem Internet erreichbar. Ein paar Befehle an einen Temperaturregler können über Nacht den Bestand vernichten und Filialen schließen."

Schwedens Cybersicherheitszentrum bestätigte Ermittlungen und erklärte, das Land habe "ziemlich viele exponierte Geräte der Betriebstechnik", die aktualisiert werden müssten. Niemand hat bislang die Verantwortung übernommen; zu Tätern und Motiven gibt es keine belastbaren Hinweise.

Für Betreiber ist die Lehre unangenehm klar. Kälteanlagen sind Fernwartungs-technik: Sie hängen an Gebäudenetzen, oft an Vendor-Zugängen, und wurden jahrelang wie Haushaltsgeräte behandelt, nicht wie kritische Infrastruktur. Wer die Controller nicht ins Internet stellt, sie in ein eigenes Netzsegment legt, Fernzugänge über Sprungpunkte führt und Firmware aktualisiert, nimmt dem Angriff das Ziel. Wer es nicht tut, hat im Zweifel eine Nacht Zeit, Techniker zu mobilisieren.