Ein deutscher Funkspruch aus dem Ersten Weltkrieg, der über ein Jahrhundert lang als ungelöst galt, ist offenbar erstmals lesbar geworden. Der Ende November 1918 übertragene Spruch war mit ADFGVX verschlüsselt — dem Handchiffre-Verfahren, das die kaiserliche deutsche Armee in jenem Jahr einführte und das eine 6x6-Substitutionsmatrix mit einer schlüsselgesteuerten Spaltentransposition verbindet.
Die Aufgabe stammt aus einer bekannten Liste von rund 50 ungelösten Chiffren, die das deutsche Wissenschaftsblog Scienceblogs.de führt; bekannt war, dass mit ADFGVX verschlüsselt wurde. Der Entwickler, der unter dem Namen Prinz auftritt, veröffentlichte die Lösung auf X und erklärte, das Modell — OpenAI's GPT-6 Astra — habe „TRUPPENVERSCHIEBUNG“ als Schlüsselwort der Verschlüsselung identifiziert.
Der entschlüsselte Text lautet „EIN ENGLISCHER KREUZER EINLIEG X SEWASTOPOL X S4STEN X EIN GESCHWADER DER X ALLIIERTEN FOLGT 26STEN X“ — sinngemäß: Ein englischer Kreuzer ist am [2]4. in Sewastopol eingelaufen, ein Geschwader der Alliierten folgt am 26. Das X diente im deutschen Marinefunk als Trennzeichen.
Als Plausibilitätsprüfung dienten Schiffsunterlagen: Der britische Kreuzer HMS Canterbury erreichte Sewastopol auf der Krim tatsächlich am 24. November 1918, was bis auf eine verstümmelte Ziffer — vermutlich ein Übertragungsfehler — passt. Auch das Datum des alliierten Geschwaders (26. November) deckt sich mit den historischen Aufzeichnungen, die der Entwickler herangezogen hat.
Zur Frage, warum der Spruch so lange ungelöst blieb, lautet die Hypothese des Modells: Frühere Versuche gingen davon aus, dass „TRUPPENVERSCHIEBUNG“ erst ab dem 9. Dezember 1918 als Schlüssel verwendet wurde, und probierten das Wort für diese ältere Nachricht nie aus. Kommentatoren auf Hacker News und bei Tom's Hardware lesen das anders — das Verdienst liege dann weniger im Brechen einer Verschlüsselung als im Ausprobieren eines bekannten Wortes. Eine unabhängige Bestätigung der Lösung steht aus.
Es ist kein Einzelfall: Wenige Tage zuvor hatte ein Entwickler bei Bloomberg erklärt, GPT-6 Astra habe eine 83 Jahre alte Enigma-Nachricht der Wehrmacht in rund zehn Stunden entziffert. Ob die Rekonstruktion einer Prüfung standhält oder nicht — der Fall zeigt, wie Allzweckmodelle auf Aufgaben angesetzt werden, für die früher spezialisierte, mühsame Handarbeit nötig war.
Quellen
- golem.deGolem: 107 Jahre ungelöst — KI knackt deutschen Funkspruch aus dem Ersten Weltkrieg
- tomshardware.comTom's Hardware: ChatGPT-6 Astra cracks 108-year-old unsolved WWI German code
- news.ycombinator.comHacker News discussion: GPT-6 Astra Solves a WWI German Radio Cipher
- prinzai.comprinz (developer's posts and cipher write-up)




