Andy Yen, CEO des Schweizer Privacy-Unternehmens Proton, hat am Freitag in einer Betriebsversammlung angekündigt, eine Runde nahezu unternehmensweiter „Re-Interviews“ abzusagen. In diesen Gesprächen sollten Mitarbeiter erklären, wie sie KI einsetzen — nach dem Verständnis der Belegschaft mit potenziell beruflichen Konsequenzen. Die Absage kam einen Tag, nachdem 404 Media eine Recherche über Yens KI-Kurs veröffentlicht hatte. Der Reporter der Geschichte, Joseph Cox, beruft sich auf sechs aktuelle Mitarbeiter und knapp zwei Stunden Audio der Versammlung.
Der Ablauf: Am 26. Oktober informierte Proton die Belegschaft, dass ausgewählte Mitarbeiter erneut befragt würden; beginnen sollten die Gespräche am 4. November. Auswahlkriterium für die Gesprächsführenden war laut Berichten eine besonders ausgeprägte KI-Nutzung. In der Versammlung am Freitag sagte Yen, Führung und Stiftungsrat hätten die Sache beraten. „Wir haben beschlossen, die Re-Interviews tatsächlich abzusagen“, so Yen. „Warum? Nun, ich denke, sie haben — sagen wir, auf unabsichtliche Weise — ihren Zweck bereits erfüllt.“ Gemeint war: Die Belegschaft spricht inzwischen über KI.
Was die Recherche zutage gefördert hatte, war unangenehmer. In einem Slack-Kanal für Sicherheit bat ein Mitarbeiter darum, neu geschriebenen Code zumindest ein paar Tage lang zu testen, bevor er live geht. Yens Antwort, Ende August: „Das ist Bullshit und Loser-Denken. Natürlich ist es möglich, schnell und sicher zu sein.“ Und weiter: „Hört auf, immer darüber nachzudenken, wie man langsamer wird, und konzentriert euch darauf, wie man schneller wird.“ Dazu die Aufforderung: „Hört auf, unseren ganzen Code liebevoll von Hand zu bauen, und nutzt mehr KI.“
Dazu kam ein dreiseitiges KI-Manifest von CTO Bart Butler, das dieser an einem Freitagnachmittag in Slack stellte. Es sagte Ingenieuren, ihr „alter Job ist weg“, und beschrieb das Nicht-Nutzen von KI als „existenzielle Bedrohung für den Erfolg der Mission selbst“. Nach 404 Medias Schilderung des Audios sagte Butler in der Versammlung, KI habe im Oktober 90 Prozent des Codes des Unternehmens geschrieben, überwiegend mit Claude.
In der Versammlung räumte Yen einen Fehler ein, ohne den Kurs zu ändern. „Ich möchte selbst einräumen, dass es meinerseits ein Kommunikationsversagen gab und dass vieles anders hätte kommuniziert werden können und sollen, und das muss ich reflektieren und mit der Zeit verbessern. Das werde ich tun.“ Und kurz darauf: „Was heißt das für die Zukunft? In Zukunft werde ich trotzdem weiter drängen.“
Der Stiftungsrat, der Proton kontrolliert — ihm gehören unter anderem Yen, Sir Tim Berners-Lee, Carissa Véliz, Dingchao Lu und Antonio Gambardella an — beobachte die Lage „genau“, sagte Yen. Es werde „Organisationsänderungen“ geben, „Talent werde teamübergreifend neu verteilt“, und das nächste Monat. „Aber es wird keine Stellenverluste durch KI geben.“
Für die meisten Mitarbeiter ist damit vor allem der Messpunkt verschoben. Einer von ihnen sagte 404 Media, im nächsten Atemzug habe die Führung erklärt, man wolle KI weiter vorantreiben und das, was in den Re-Interviews gemessen werden sollte, werde Teil der Leistungsbeurteilungen. Ein anderer: „Im Moment sieht alles danach aus, als wäre es Schadensbegrenzung.“ Ein Teil der Belegschaft zeigte sich laut dem Bericht zufrieden mit der Art der Behandlung, andere vermissten echte Verantwortung — zumal Yen die Mehrheit der Anteile hält.
Butler sagte in der Versammlung, KI „effektiv und pragmatisch“ einzusetzen heiße nicht, Sicherheit, gute Architektur oder solide Softwaretechnik aufzugeben. Später, auf einen Beitrag eines Mitarbeiters: „Wir haben es verkackt, wir wissen, dass wir es verkackt haben.“
Der öffentliche Schaden ist nicht behoben. Nach der Veröffentlichung antwortete Yen auf Reddit; seine Antwort wurde mehr als 1.200 Mal heruntergewählt. Auf sozialen Plattformen kündigten Nutzer an, bezahlte Proton-Abos zu kündigen, und forderten seinen Rücktritt. Proton reagierte nicht auf Anfragen nach einer Stellungnahme.
Das Muster ist nicht auf Proton beschränkt: Ein Unternehmen erklärt KI-Nutzung zur Leistungsnorm, die Belegschaft protestiert, die Führung nimmt das schärfste Instrument zurück — und behält das Ziel. Bei einem Anbieter, dessen Versprechen Datenschutz und Sicherheit ist, wird daraus eine Frage, die über die interne Kultur hinausgeht: Wenn Code schneller und in größerem Umfang maschinell entsteht, wer haftet dann für die Lücke, die später gefunden wird?




