Wissenschaftler haben DNA des Schafpockenvirus aus Tierhäuten gewonnen, aus denen das Pergament mittelalterlicher Handschriften gefertigt wurde, und damit rund 3.500 Jahre Evolution einer Seuche rekonstruiert, die einst Europas Herden verwüstete. Die in Science Advances veröffentlichte Studie legt nahe, dass Bibliotheken und Archive weltweit in ihren ältesten Büchern genetische Spuren vergangener Viehseuchen verbergen könnten.

Schafpocken sind hochansteckend und oft tödlich; im 20. Jahrhundert verschwanden sie weitgehend aus der europäischen Nutztierhaltung, doch regionale Ausbrüche gibt es weiterhin, etwa in Griechenland im vergangenen Jahr. Da Erreger nicht versteinern, war die genetische Geschichte des Virus kaum bekannt. Pergament aus Tierhaut – oft Schafsleder – kann DNA jedoch jahrhundertelang bewahren.

Ein Team um Forscher des University College Dublin beprobte Handschriften unter anderem aus Yale, Cambridge, dem Corpus Christi College, der Lambeth Palace Library und dem Trinity College, darunter die Trinity Gospels, die Lambeth-Bibel und die rund 1.000 Jahre alten York Gospels. Auf mehreren Seiten fand sich Erreger-DNA – infizierte Tiere wurden also zur Pergamentherstellung genutzt. Überraschend war der Fund auch auf Kalbs- und Ziegenhaut, was auf eine Infektion über Artengrenzen oder Kontamination hindeutet. Bronzezeitliche Schafzähne aus Russland und Zentralkasachstan erlaubten den Vergleich: Schafpocken spalteten sich demnach vor 11.500 bis 3.700 Jahren von Ziegenpocken- und Lumpy-Skin-Disease-Viren ab, grob zeitgleich mit der Domestizierung von Tieren in Europa. Insgesamt rekonstruierte das Team 21 alte Genome von 1700 v. Chr. bis ins frühneuzeitliche Europa.

„Pergamente bewahren nicht nur unsere Kulturgeschichte, sondern auch die Krankheitslandschaft unseres Viehs im Mittelalter", sagte Co-Autor Kevin G. Daly. Sein Kollege Louis L'Hôte ergänzte: „Es ist möglich, dass Archive und Bibliotheken auf der ganzen Welt genetische Spuren vergangener Tierkrankheitsausbrüche enthalten."