Fideuram, die Privatbanktochter von Italiens größtem Kreditinstitut Intesa Sanpaolo, ist nach Angaben von Insidern, auf die sich Reuters beruft, mit einem Trick um rund 95 Millionen Euro gebracht worden; zuerst hatte die „Corriere della Sera“ berichtet. Mehr als die Hälfte der Summe konnte später sichergestellt werden.
Der Ablauf begann dem Bericht zufolge im Februar mit einer WhatsApp-Nachricht, die scheinbar vom Intesa-Sanpaolo-Chef Carlo Messina stammte und Paolo Molesini — damals Verwaltungsratschef von Fideuram — um dringende Hilfe bei einer Auslandstransaktion bat. Anschließend kam ein Anruf, angeblich von einem leitenden Partner einer bekannten Anwaltskanzlei, der die Anweisung bestätigte. Die Anrufer setzten KI ein, um die Stimme des Anwalts zu imitieren. Molesini hielt die Anfrage für echt und wies seine Finanzabteilung an, Überweisungen auf Konten vor allem in China und Hongkong vorzunehmen.
Fideuram entdeckte die Unregelmäßigkeiten und alarmierte Behörden in mehreren Ländern. Die Zusammenarbeit von Ermittlern in China, Portugal und Italien ermöglichte es, einen Großteil des Geldes sicherzustellen; der Rest wurde den Angaben zufolge über ein Netzwerk ausländischer Konten geschleust und in Kryptowährungen umgewandelt. Der Gesamtschaden wird mit 95 Millionen Euro beziffert.
Molesini trat im März unter Verweis auf persönliche Gründe zurück; gegen ihn oder andere Fideuram-Führungskräfte werde nicht ermittelt, sagen Insider. Die Staatsanwaltschaft Mailand ermittelt jedoch gegen einen außerhalb Europas lebenden Ausländer wegen des Verdachts auf Computerbetrug. Wie der Einsatz von KI belegt werden konnte, geht aus der Reuters-Meldung nicht hervor.
Es ist nicht der erste Fall dieser Art in Italien: Bereits im vergangenen Jahr verleiteten Betrüger mit einer per KI imitierten Stimme eines italienischen Ministers einen Geschäftsmann zu einer Überweisung von fast einer Million Euro, die später wiederbeschafft wurde. Bekannter ist der Fall des Ingenieurbüros Arup in Hongkong aus dem Jahr 2024, bei dem ein Mitarbeiter nach einem Videocall mit deepfake-Kollegen rund 25 Millionen US-Dollar überwies.
Der Fall Fideuram stellt eine Frage, die die Branche bislang eher mit Prozessen als mit Technik beantwortet: Bei einer großen Bank kann die Anweisung eines einzelnen Managers offenbar weiterhin neunstellige Summen bewegen. Stimmbiometrie, Rückrufverifikation über einen zweiten Kanal und Vier-Augen-Prinzip für große Auslandsüberweisungen wären die Kontrollen, die dafür versagen müssten — und hier offenbar versagt haben.




