Fast jeder trägt schlummernde Viren aus der Kindheit in sich – Herpesviren, Epstein-Barr, Zytomegalievirus und mehr – in Schach gehalten von einem gesunden Immunsystem. Eine schwere COVID-19-Erkrankung kann sie alle wecken, so eine heute in Nature veröffentlichte Studie, die über 1.000 hospitalisierte Patienten begleitete.

Bei fast der Hälfte der Teilnehmer kam es zu einer Reaktivierung häufiger latenter Viren. Die Virusfamilien erwachten zu unterschiedlichen Zeiten: Epstein-Barr-Virus und Anelloviren stiegen früh an und erreichten kurz nach der Aufnahme ihren Höhepunkt, während Zytomegalieviren und Herpes-simplex-Viren etwa drei Wochen später auftraten – vor allem in den Atemwegen.

Das 'auffälligste' Ergebnis, sagt die Physiologin Resia Pretorius von der Stellenbosch University in Südafrika, ist, dass die Reaktivierung selbst bei Menschen mit sonst gesundem Immunsystem geschah – das widerlegt die Annahme, dies geschehe nur bei immungeschwächten Patienten. Selbst Teilnehmer, die immunsuppressive Medikamente erhielten, erlebten keine häufigeren Virus-Erweckungen – ein Hinweis, dass allein der Stress der Coronavirus-Infektion das Immunsystem überlasten kann.

Entscheidend: Die Reaktivierung – insbesondere der meist harmlosen Anelloviren – war mit besonders schweren COVID-19-Verläufen und der Entwicklung von Long COVID verknüpft. 'COVID handelt nicht wirklich allein', sagt Co-Autorin Esther Melamed von der University of Texas at Austin. Sollte sich zeigen, dass die reaktivierten Viren ernste Krankheiten auslösen können, könnte die Entdeckung neue Therapien für COVID-19 und Long COVID ermöglichen.