Auf einem 10.000 Hektar großen Areal des zentralen Amazonas-Regenwaldes in Nordbrasilien versuchen Hunderte von Forschern etwas, das in diesem Umfang nie zuvor versucht wurde: jede Insektenart zu zählen – vom Waldboden bis in die Baumwipfel.

Das Megaprojekt unter der Leitung von Entomologen des brasilianischen Nationalinstituts für Amazonasforschung (INPA) und der Universität São Paulo nutzt vertikale Anordnungen aus fünf Netztrapen – eine auf Bodenhöhe, eine in etwa 30 Metern Höhe, drei dazwischen – die Insekten in mit Ethanol gefüllte Flaschen leiten, das ihre DNA konserviert. Die Fallen laufen seit 14 Monaten ununterbrochen, und eine Sammel-„Blitzaktion“ im November ergänzte rund 50 weitere Methoden – von Aas für Schmeißfliegen bis zu Lichtfallen für nachtaktive Insekten.

Die bisherige Ausbeute: 5,5 Millionen Exemplare, von denen etwa 600.000 per DNA-Barcoding erfasst werden sollen – eine der größten DNA-Barcoding-Aktionen der Insektenforschung. Ein Netzwerk von fast 400 Taxonomen wird die genetischen Daten mit der Analyse körperlicher Merkmale kombinieren, um die neuen Arten zu identifizieren und zu benennen.

Vorläufige Schätzungen gehen von mehr als 40.000 Arten aus – fast 0,7 % der weltweit vermuteten rund 6 Millionen Insektenarten, an einem einzigen Ort. „Wenn wir andere Teile des Waldes beproben, dürfte die Zahl der neuen Arten fast exponentiell steigen“, sagt INPA-Entomologe José Rafael, einer der Projektleiter. Die Kampagne wurde letzte Woche auf der Jahrestagung der Brasilianischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft in Niterói vorgestellt.