Ein Beitrag aus heise' Rubrik 'Continuous Architecture' vertritt ein Argument, das man leicht abtun und schwer widerlegen kann: KI-Coding-Agenten zwingen Teams dazu, Dokumentation aufzuräumen, der sie seit Jahren nicht mehr trauen.

Der Mechanismus ist nicht geheimnisvoll. Ein Agent, der in einem Repository arbeitet, liest, was er findet – README-Dateien, Architekturentscheidungen, API-Dokumentation, Kommentare, Diagramme, Onboarding-Notizen – und behandelt es als Kontext. Eine erfahrene Entwicklerin, die ein veraltetes Dokument liest, bringt lebenslanges Misstrauen mit: Sie erkennt die ausgemusterte Client-Bibliothek, erinnert sich, dass der Endpunkt umgezogen ist, fragt eine Kollegin. Ein Agent hat dieses implizite Wissen nicht. Er ruft ab, glaubt und schreibt Code dagegen.

Damit wird aus einem vertrauten Ärgernis ein Korrektheitsproblem. Ein veraltetes README kostete früher einen Nachmittag Verwirrung für eine neue Kollegin; heute kann es einen Pull Request erzeugen, der kompiliert, seine Tests besteht und eine Integration gegen eine API ausliefert, die es nicht mehr gibt. Fehlende Dokumentation ist auch nicht sicherer: Wo der Agent nichts findet, füllt er die Lücke mit etwas Plausiblem – und genau darüber liest ein Reviewer hinweg.

Die Gegenmittel, auf die der Beitrag zeigt, sind unspektakulär und meist billig. Dokumentation im Repository neben dem Code halten und mit ihm versionieren. Falsches löschen statt stehen lassen, denn ein fehlendes Dokument provoziert eine Frage, ein falsches provoziert selbstsicheren Unsinn. Entscheidungsaufzeichnungen Status und Datum geben, damit 'akzeptiert' etwas bedeutet. API-Referenzen und Diagramme aus dem Quellcode generieren statt von Hand pflegen. Die Befehle aus der Doku in die CI aufnehmen, damit ein kaputtes Beispiel den Build scheitern lässt, statt Leser in die Irre zu führen. Und einen Verantwortlichen benennen, denn herrenlose Dokumentation verrottet per Default.

Die ehrliche Einordnung: Dokumentationsschulden sind Jahrzehnte älter als KI; jede Organisation weiß längst, dass sie zu viel davon hat und keine Zeit, das zu ändern. Geändert hat sich der Preis des Fehlermodus. Ein falsches Dokument kostete früher menschliche Zeit – teuer, aber selbstkorrigierend, weil es auffällt. Ein falsches Dokument, das ein Agent konsumiert, erzeugt ein Arbeitsergebnis, das fertig aussieht. Das ist der gefährlichere Fehler.

Einschränkung: Dies ist ein Debattenbeitrag, kein Nachrichtenbericht. Die konkreten Praktiken oben stammen von uns; die spezifischen Aussagen des Artikels gehören an die heise-Quelle geprüft.