Seit etwa einem Jahrzehnt gilt unter Neurowissenschaftlern eine einfache Erzählung: Psychedelika bringen Chaos ins Gehirn. Netzwerke – die stabilen Kommunikationsmuster, die Sehen, Aufmerksamkeit oder das Selbstgefühl tragen – lockern sich und reden plötzlich alle gleichzeitig miteinander. EEG-Kurven werden verrauschter und komplexer. „Man kann sich die Netzwerke des Gehirns als Autobahnen vorstellen“, sagt Devon Stoliker, Neurowissenschaftler an der Monash University. „Unter Psychedelika zerfallen diese Autobahnen in viele verschiedene Richtungen.“

In einer neuen Studie in Nature hat Stolikers Team geprüft, ob diese Richtungen wirklich chaotisch und zufällig sind. 62 Menschen, die nie zuvor ein Psychedelikum genommen hatten, erhielten 19 Milligramm Psilocybin und wurden im Kernspintomografen untersucht. Anschließend analysierte das Team die nüchternen und die berauschten Aufnahmen mit maschinellem Lernen. Was dabei herauskam, war kein Chaos.

Ein ungestörter Trip

Stoliker hält Chaos für keine befriedigende Erklärung. „Es erklärt einfach nicht, warum jemand eine bedeutsame Erfahrung macht, warum er Einsicht hat, warum Klarheit entsteht und warum daraus positive psychische Veränderungen folgen.“

Die Teilnehmer durchliefen dieselbe vierstufige Sequenz zweimal – nüchtern und unter Psilocybin: acht Minuten Ruhe, eine geführte Meditation, eine elfminütige kuratierte Playlist und sechs Minuten Video mit vorbeiziehenden Wolken bei offenen Augen. Beide Durchläufe fanden im Scanner statt, rund 80 Minuten nach der Einnahme im MRT und rund 150 Minuten danach im EEG.

Bewusst gab es keine kognitiven Aufgaben: Man wollte wissen, wie das Gehirn in einer authentischen, ununterbrochenen psychedelischen Erfahrung aussieht. Aufgaben, so der Hinweis, holten Menschen aus dem Zustand heraus.

Verwischte Grenzen

Bei geschlossenen Augen verloren sensorische Regionen an Einfluss, assoziative Regionen gewannen. Die Konnektivität innerhalb einzelner Netzwerke wurde schwächer, die zwischen Netzwerken stärker; die Modularität des Gehirns sank in allen vier Phasen. Der Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Augen verringerte sich im visuellen Netzwerk um 85 Prozent – im nüchternen Zustand ist er riesig. Die Alpha-Aktivität, normalerweise ein Marker dafür, dass das Gehirn visuellen Input abdichtet, fiel um fast die Hälfte.

Die Hälfte der Teilnehmer zählte die Sitzung zu den bedeutsamsten Erfahrungen ihres Lebens, 24 von ihnen zu den fünf bedeutsamsten.

Verborgene Ordnung

Standardanalysen mitteln zweimal: über die Zeit und über die Personen – und riskieren, kurze geordnete Strukturen zu übersehen. Stattdessen speiste das Team die Aktivität von 332 Hirnregionen Moment für Moment in CEBRA, ein maschinelles Lernverfahren, das die Daten komprimiert, ohne die zeitliche Ordnung zu zerstören. Ergebnis war pro Person eine Trajektorie durch einen dreidimensionalen Raum.

Unter Psilocybin, so Stoliker, werde die Aktivität über die Zeit organisierter und klarer nach Kontext unterschieden. Die Trajektorien zerfielen in vier Cluster, die Ruhe, Meditation, Musik und Film entsprachen. Ein Klassifikator konnte aus einem Moment der Hirnaktivität sagen, in welchem Kontext er entstand – und seine Trefferquote wuchs mit der berichteten Tiefe der Erfahrung.

Dann ersetzte das Team die Wirkung einzelner Netzwerke durch ihre nüchterne Version. Das Default-Mode-Netzwerk und das visuelle Netzwerk erklärten jeweils über 20 Prozent des Effekts. Gerade ihre Entdifferenzierung könnte erklären, warum Teilnehmer berichteten, Selbst und Außenwelt verschwämmen – ein Zustand, den Stoliker „Embeddedness“ nennt.

Was offen bleibt

Am Tag danach bewerteten die Teilnehmer auf einer Skala von –100 bis 100 positive Veränderungen; die meisten berichteten solche. Ob daraus Therapie wird, ist aber offen: Die Studie lief mit gesunden Freiwilligen, nicht mit Patientinnen und Patienten. Identische Werte für „Embeddedness“ können sehr unterschiedliche Erlebnisse verdecken, und wie Musik oder visuelle Umgebung konkret abzustimmen wären, weiß niemand. „Dass unterhalb dieser Unordnung Ordnung steckt, hat dennoch großen Erklärungswert“, sagt Stoliker.