OpenAI hat eine angebliche Lösung des Navier-Stokes-Problems (Existenz und Glattheit) veröffentlicht – eines der sieben Millennium-Preis-Probleme, für die das Clay Mathematics Institute je eine Million Dollar aussetzt. Laut dem Unternehmen koordinierte ein internes, unveröffentlichtes Modell rund 10.000 KI-Agenten, die das Ergebnis in 88 Stunden erreichten – zu Kosten von Millionen Dollar an Rechenleistung. OpenAI veröffentlichte eine Ausarbeitung und einen formalen Beweis im Lean-Beweisassistenten, nannte das Ergebnis einen Meilenstein und erklärte, den Preis nicht beanspruchen zu wollen.
Der Zeitpunkt machte aus einem Triumph eine Kontroverse. Einen Tag zuvor hatte der Mathematiker Tristan Buckmaster von der New York University verwandte Ergebnisse mit Levent Alpöge veröffentlicht, einem Forscher beim OpenAI-Konkurrenten Anthropic (der, wie das Unternehmen betonte, nicht für seinen Arbeitgeber handelte). Buckmaster sagt, er habe OpenAI kontaktiert, nachdem er erfahren habe, dass man dort von ihren Fortschritten wusste, um zu fragen, wann die Arbeit begann und mit welchen Daten das Modell trainiert wurde. Das Gespräch sei schnell gekippt: Als er sagte, er werde an die Öffentlichkeit gehen, habe ihn ein OpenAI-Forscher gefragt: „Warum würdest du deine Karriere ruinieren?“ Auf Nachfrage habe er geantwortet: „Wenn du nicht willst, dass ich nett bin, muss ich nicht nett sein.“
OpenAI bestreitet entschieden, konkrete Nutzerdaten – einschließlich Buckmasters Codex-Sitzungen – verwendet zu haben, räumt aber ein, es „könne nicht ausschließen“, dass anonymisierte Daten aus der Produktnutzung die Modelle verbessert haben. Der unternehmenseigene Darstellung zufolge begann der Sprint, nachdem man „auf Twitter“ Gerüchte gehört hatte, andere Forscher seien Millennium-Problemen dicht auf der Spur; erst später habe man erfahren, dass es um Alpöge und Buckmaster ging. Zu Buckmasters weiteren Vorwürfen äußerte sich das Unternehmen nicht öffentlich.
Mathematiker sehen das eigentliche Problem nicht im Wettbewerb, sondern in der verletzten Norm. „Das ist eindeutig ein PR-Sieg für OpenAI“, sagte Andras Juhasz von der University of Oxford, zweifelte aber an der Nachhaltigkeit: „Plötzlich stürzen sich 10.000 Mathematiker auf dein Problem.“ Forscher sagten gegenüber The Verge, der Vorfall könne die Mathematik – eine Disziplin, die von der informellen Norm des Vertrauens lebt, weil Kollegen unfertige Ideen teilen – zurück in die Geheimhaltung treiben. „Schon der Gedanke, dass KI-Systeme Ideen aus unseren Anfragen stehlen könnten, ist beunruhigend“, sagte Jeremy Avigad von der Carnegie Mellon University. Der Beweis zeigt eindrucksvoll, wie schnell KI die Mathematik umgestaltet; wie das Fach damit umgeht, ist nun die offene Frage.
Quellen
- openai.comOn the Navier–Stokes Millennium Prize Problem
- theverge.comOpenAI's sly mathematical breakthrough sends a chill through academia (The Verge)
- theguardian.comOpenAI claims to have solved maths problem that stumped humans for decades (The Guardian)
- venturebeat.comOpenAI solves longstanding math problem with 10,000-agent swarm (VentureBeat)
- scientificamerican.comOpenAI claims blockbuster math breakthrough amid swirl of controversy (Scientific American)




