Europas Raumfahrt hat einen neuen Anfang: Das Münchner Unternehmen Isar Aerospace hat seine zweistufige Trägerrakete Spectrum erfolgreich in eine niedrige Erdumlaufbahn gebracht — vom Weltraumbahnhof Andøya in Norwegen aus. Es ist der erste vollständig kommerzielle Orbitalstart von europäischem Boden und zugleich die erste Orbitalrakete, die ein privates Unternehmen vom europäischen Festland aus startete; bisherige europäische Orbitalstarts liefen über das überseeische Raumfahrtzentrum Kourou in Französisch-Guayana.
Der Erfolg kommt nach einem ernüchternden Debüt: Beim ersten Testflug im März 2025 hatte die Rakete nur rund 30 Sekunden durchgehalten, war über dem Meer abgestürzt und explodiert. Diesmal gelang der Flug: Die rund 28 Meter hohe Spectrum hob ab und erreichte den Orbit — an Bord fünf kleine Satelliten, wie die Nachrichtenagentur Politico unter Berufung auf das Unternehmen berichtet. Der Start erfolgte am Wochenende vom Andøya Spaceport, Norwegens Weltraumbahnhof oberhalb des Polarkreises.
„Heute hat Isar Aerospace den Weltraum vom europäischen Festland aus geöffnet“, wird CEO und Mitgründer Daniel Metzler in einer Pressemitteilung zitiert. „Der Start bleibt der größte Engpass der globalen Raumfahrtindustrie — und von heute an gibt es eine echte Alternative für kommerzielle und institutionelle Kunden. Europa hat jetzt souveränen Zugang zum Weltraum. Wir haben ein neues Kapitel der europäischen Raumfahrt aufgeschlagen.“
Die Bedeutung ist vor allem geopolitischer Natur. Europa war bislang auf Arianespace und Avio angewiesen, die weitgehend staatlich finanziert sind — und auf ausländische Träger. Durch den russischen Angriff auf die Ukraine sind Sojus-Raketen weggefallen, und das aktuelle weltpolitische Klima macht die USA für viele europäische Staaten zu einem weniger verlässlichen Partner. Die europäische Raumfahrtagentur ESA hat „Buy European“ zur tragenden Säule ihrer Politik erklärt. Vor diesem Hintergrund verschafft ein privater Orbitalstarter aus Deutschland dem Kontinent eine eigene, unabhängige Option — vom Startplatz in Europa selbst, ohne Übersee-Dependance.
Isar Aerospace wurde 2018 gegründet und gehört zu einer Welle europäischer New-Space-Startups, die lange als Außenseiter galten. Die Spectrum ist für kleine und mittlere Nutzlasten ausgelegt; der Markt für kleine Satelliten gilt als einer der am schnellsten wachsenden der Branche. Dass der erste vollständig kommerzielle Orbitalstart Europas nun gelungen ist, dürfte auch Rivalen wie Rocket Factory Augsburg oder das spanische Unternehmen PLD Space Auftrieb geben, die ähnliche Pläne verfolgen.
Offen bleibt, wie schnell Isar Aerospace von einem gelungenen Erstflug zu regulärem kommerziellem Betrieb kommt. Der erste Flug 2025 war als Datensammel-Mission angelegt und endete kontrolliert über dem Meer — aus Sicht vieler Beobachter dennoch ein Teilerfolg. Der nun erreichte Orbiterfolg ist der entscheidende Schritt: Erstmals seit Beginn des kommerziellen Raumfahrtzeitalters verfügt Kontinentaleuropa über eine eigene Trägerrakete, die unabhängig von staatlichen Großprojekten und ausländischen Startplätzen operiert.




