Peking betrachtet Anthropics Modell Mythos — ein KI-System zur Jagd auf Zero-Day-Sicherheitslücken, das nur geprüften Partnern zugänglich ist — zunehmend als mögliche offensive Cyberwaffe. Nach Bloomberg-Recherchen wächst in Beijing die Sorge, dass das Modell gegen chinesische Netzwerke eingesetzt werden könnte, und es mehren sich Fragen, warum Anthropic China selbst für harmlose Nutzung den Zugang verweigert.

Fudan-Wissenschaftler Wu Xinbo bezeichnete die Bedenken als Frage der nationalen Sicherheit. Die Anspannung kommt zu einem heiklen Zeitpunkt: Xi Jinping plant für den 24. September einen Besuch in Washington, und beide Regierungen arbeiten an den ersten offiziellen KI-Gesprächen unter Präsident Trump, die für September erwartet werden. Peking erwägt Berichten zufolge Vergeltungsmaßnahmen, sollte der Zugang zu Mythos und vergleichbaren US-Modellen verwehrt bleiben.

Die Angst betrifft die Fähigkeit, nicht die Absicht. Anthropic hatte im April offengelegt, dass Mythos Sicherheitslücken in Software finden und ausnutzen kann — und US-Behörden hatten den Zugang ausländischer Staatsangehöriger zu dem Modell vorübergehend blockiert. Beobachter betonen, dass Chinas eigene KI-Labore im Cybersicherheitsbereich bereits aufgeholt haben und ähnliche Fähigkeiten demonstrieren, was die Debatte über Exportkontrollen für Frontmodelle weiter anheizt.

Für die AI-Diplomatie ist Mythos damit zum Symbol geworden: für Washingtons Weigerung, die mächtigsten Modelle zu teilen, und für Beijings Entschlossenheit, nicht von US-Technologie abhängig zu sein. Die kommenden Gespräche im September werden zeigen, ob sich diese Frontlinie entschärfen lässt — oder ob die KI-Rivalität zur Cybersicherheitskrise wird.