Anthropic hat die ersten Ergebnisse des im Frühjahr 2026 eröffneten Biowissenschaftslabors in der Bay Area veröffentlicht – und die Behauptung ist groß: Das Unternehmen will zeigen, dass seine Claude-Agenten eigenständig ein bislang unbeschriebenes Enzymsystem mit CRISPR-ähnlicher Architektur identifiziert haben.
Der menschliche Beitrag beschränkte sich laut Anthropic auf den ursprünglichen Prompt und die Laborarbeit. Rund 950 Claude-Agenten durchsuchten anschließend 21 Stunden lang und mit 210 Millionen Token eine große DNA-Datenbank nach ungewöhnlichen Reversen Transkriptasen (RTs) – Enzyme, die RNA zurück in DNA umschreiben. Die Agenten sammelten mehr als 200.000 RTs, reduzierten sie auf 3.500 Kandidatensysteme und erstellten für die 20 überzeugendsten ausführliche, menschenlesbare Berichte. Ein Agent erkannte beim Lesen roher Sequenzdaten ein Tandem-Repeat-Array neben einer merkwürdigen RT und notierte: "… ich sehe mit bloßem Auge ein Tandem-Repeat-Array … das ist ein CRISPR-ähnliches … Repeat-Array?!"
Anthropic nennt das System ART – array-assoziierte Reverse Transkriptasen. Es kommt vor allem in Bakteriophagen vor, den Viren, die Bakterien infizieren, und besteht aus drei Teilen: der RT selbst, einem Partnergen unbekannter Funktion und einem langen Array gleichmäßig beabstandeter DNA-Wiederholungen. Die RT war bereits in früheren Studien beschrieben; Anthropic zufolge ist Claude offenbar der erste, der das Repeat-Array und das zusätzliche Protein bemerkte, die das System definieren. Erste Experimente zeigen, dass das Array in kurze RNAs umgeschrieben wird – ein Hinweis auf CRISPR-ähnliche Programmierbarkeit. Was ART tatsächlich tut, ist unbekannt; veröffentlicht wurde bislang nur ein Preprint.
Die Reaktionen folgen vertrauten Linien. Feng Zhang, CRISPR-Pionier am MIT und Broad Institute, nannte es ein "spannendes Beispiel dafür, wie KI-Agenten zu biologischen Entdeckungen beitragen können"; die RNA-Repeat-Arrays im Zusammenhang mit Reversen Transkriptasen seien "wirklich faszinierend" und verdienten weitere Untersuchung. Lucas Harrington, der bei Nobelpreisträgerin Jennifer Doudna promovierte und Mammoth Biosciences mitgründete – ein Unternehmen, das selbst per Genom-Mining nach CRISPR-Systemen sucht –, war deutlich: Die Methode gebe es seit Jahrzehnten, ähnliche Systeme seien seit 2008 bekannt. Der schwierige Teil sei herauszufinden, was ein System tue, und das habe Anthropic nicht gezeigt; frühe Ergebnisse als große Entdeckung zu präsentieren, helfe nicht.
Genau diese Lücke ist der Punkt. Anthropic sagt ausdrücklich, die Funktion von ART sei ungeklärt und weitere Experimente liefen. Die Ankündigung fällt in eine Phase, in der das Unternehmen Biologen anwerben und in die Arzneimittelforschung expandieren will – begleitet von der öffentlichen Aussage von CEO Dario Amodei, KI könne in fünf bis zehn Jahren die meisten schweren Krankheiten heilen. Der Beweis für die Methode ist vorerst eine markierte Anomalie und ein Preprint – kein Werkzeug, das jemand nutzen kann.
Quellen
- anthropic.comAnthropic: Claude discovers a novel enzyme system
- heise.deheise online: Nach Analyse von DNA-Datenbanken: Claude soll neues Enzymsystem entdeckt haben
- the-decoder.comThe Decoder: Anthropic says Claude discovered a new enzyme system, but CRISPR researchers call it routine genome mining
- interestingengineering.comInteresting Engineering: Claude scans 200,000 enzymes, uncovers CRISPR-like system
- ndtv.comNDTV: Anthropic says Claude AI helped discover novel enzyme system




